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Roman-Berater

1001 Schuh Blogroman Kapitel 5

Acht Wochen lang präsentieren wir dir ein neues Kapitel des Romans "1001 Schuh" von Coco Meinhard. Hier findest du das fünfte Kapitel. 

Kapitel 5

Hätte Laura nicht die drei Gestalten in Modebranche-Schwarz mit auffälligen Sonnenbrillen an der Schaufensterscheibe klopfen sehen, wäre sie beinahe mit dem Taxi vorbeigefahren.

Um zwei Uhr nachts sah der Laden von der Straße immer noch wie eine Baustelle aus. Malerpapier verdeckte die Fenster, neben den Eingangsstufen lagen ein paar verstreute Reste von Bauschutt und Kabeln herum. Laura mochte clevere Leute. Als Tarnung für die Preview war das natürlich perfekt.

Laura stieg aus dem Taxi und lief schnell auf die drei Mode-Leute zu.

Der Ton für eingehende Nachrichten am Handy stoppte sie auf dem Bürgersteig. Laura checkte schnell die WhatsApp.

Josefine, endlich! Aber es war nur ein Video, das Laura sofort aktivierte.

»Bin gerade in der Beauty-Pause mit meinem Drohnen-Captain. Er massiert wundervoll.«

Wie für ein Selfie hielt sich ihre Freundin offenbar die Kamera vors Gesicht. Auf ihren Schultern ruhten breite Männerhände, an der linken schimmerte ein türkiser Ring.

»Mir ist gerade eingefallen, dass du noch nie bei so einer Promi-Preview warst.« Josefine wischte sich mit der freien Hand eine Wimper unter dem Auge weg. Sie war abgeschminkt? Interessant. Aber auf merkwürdige Verhaltenskodizes hatte Laura eigentlich keine besondere Lust, oder doch? Immerhin ging es um Yunus Q.

»Es ist egal, woher ich das weiß, aber es kommen nur Leute, die Macht und Einfluss haben. Glaube mir. Leider«, sie verdrehte die Augen, »sind auch ein paar Schätzchen drunter, die du gar nicht magst. Wie die Baroness.«

Die Queen hatte der wirklich den Titel Baroness verliehen. Vorher hieß sie bloß Lienne Holyrood und war für ihre karottige Haarfarbe ebenso berüchtigt wie für ihre exzentrische Kleidung. Und Laura konnte sie nicht leiden, weil sie nur langweilige Retro-Schuhe trug.

»Ich wäre so gern an deiner Stelle, ich hätte nie die Einladung nach Florida annehmen sollen. Auch wenn«, sie rollte mit den Augen, »ich dafür Cash-Sophie mit ihrem Amateuerblog ertragen müsste. Ich schwöre dir, der ihr Lover ist Regisseur und der Vater in der PR: alles fake.«

Josefines Lieblingsfeindin, was Geschmacksurteile bei Schuhen anging.

»Dafür gibt es noch eye candy der Extraklasse.« Josefine zwinkerte. »Cheep Dekstor. Und zwar live«, hauchte sie theatralisch.

Laura war genauso Fan wie Josefine der Serie. Gerade lief die Staffel sieben von Daily Sins an, in der Dekstor den als Toyboy einer Anwältin getarnten Mastermind hinter einem Erpresserring in New York spielte. Alle ihre Freundinnen luden sich die neuesten Staffeln im Netz runter. Cheep Dekstor in den berüchtigten Badezimmerszenen, in denen er seinen gestählten Body präsentierte, wog alle Mühe auf.

»Er hier könnte Cheeps jüngerer Bruder sein.« Die Männerfinger setzten sich in Bewegung an Josefines Hals, die davon schnurrte.

»Okay, aber gibt es jetzt irgendwas, worauf ich achten sollte, wenn du schon deswegen extra anrufst?«

»Er lenkt mich ab. Sorry. Mach dir überhaupt keine Sorgen wegen Small Talk oder so. Alle werden erst mal auf wichtig machen und dann feststellen, dass wirklich keine Medien da sind. Und schon sind alle wieder nett und zugänglich.«

Laura würde es ja gern glauben, aber ihre Agenturerfahrung mit Promis war da anders. Die Leute waren backstage immer noch voller Ansprüche.

»Achte besonders auf die Scheicha Warrabi Es-Sur. Sie ist die Schuhpäpstin der Elite in den Emiraten. Auch wenn der Begriff doppelter Quatsch ist, trifft er es genau.« Josefine hob den Finger. »So jung sie ist, so mächtig ist sie auch, was Trends angeht.«

Josefine erweiterte unaufhörlich ihr Netzwerk von Trendsetterinnen und Trendsettern.

»Ich habe sie mit meiner Vorhersage vorletztes Jahr, dass Sky-ceiling-Pools nicht mehr im Trend sind, sondern flowing horizons, beeindruckt. Genau die wollen sich jetzt alle bauen lassen. Aber die Emirate haben das schon.« Sie räkelte den Hals unter dem sanften Druck der kräftigen Finger, und Laura sehnte sich nach Bens Fingern.

Bist du verrückt?

»Du schaffst das schon. Denke heute einfach nicht nach. Genieße einfach den Abend, Darling. Sei ich, niemand kennt mich besser als du.«

Aber ob das wirklich half, wenn sie ihre Freundin verkörpern sollte. Das Video brach ab, und Laura steckte das Handy ein. Auf einmal war Laura sich gar nicht mehr sicher, ob sie an diesem Abend nicht auf eine riesige Peinlichkeit zusteuerte. Und diese wichtige Sache hatte Josefine ihr auch immer noch nicht gesagt. Aber gut, das könnte Josefine ja sicher auch später nachholen – persönlich.

Laura schaute zum Laden von Yunus Q. Wirklich umkehren konnte sie nicht mehr.

Die Verkäuferin Eileen stand in der Tür und ließ die Gäste eintreten, ein wachsamer Blick jedoch streifte erst Laura und dann die Straße hinter ihr.

»Moment, bitte.« Eileen klang wie alle Türsteher: Beim ersten Stoppen gerade noch höflich, aber schon unerbittlich.

Lauras Herzschlag beschleunigte sich. War sie doch noch von der Liste gestrichen worden?

Eileen zog sie plötzlich an der Schulter schnell in den Laden. »Ich wollte nur sichergehen, dass Ihr Taxi wirklich wegfährt. Guten Abend, Frau Kohrs. Sie dürfen gleich einchecken.«

Laura fühlte sich wieder freier atmen. Sie entspannte und spürte, wie eine Welle von Vorfreude sie durchfloss. Sie kam wirklich rein!

Gleich hinter Eileen teilten große schwarze Stoffbahnen eine enge Wartezone ab, die von einer schlichten Stablampe beleuchtet wurde. In einer Lücke dazwischen verschwanden die drei anderen Gäste gerade. Der Boden war mit grünem Filz ausgelegt.

»Wir freuen uns, Sie zur Preview begrüßen zu dürfen.« Bei Eileen klang es nicht abgenudelt wie bei einem Hotelempfang, sondern völlig echt. Auf ihrem Zeigefinger schwebte ein Zwei-Euro-großer Aufkleber. »Für die Kamera Ihres Handys.«

Eileens Ton ließ keinen Widerspruch zu. Aber was waren schon Handy-Bilder, wenn Laura selbst alles live erleben durfte. Laura hielt einfach das Smartphone hin.

»Zur Erklärung: Der Button lässt sich vier Stunden überhaupt nicht und danach spurenlos ablösen. Sogar von Leder oder Samthüllen. Wir möchten auch nicht, dass der Laden später von außen fotografiert wird.« Sie versah das Phone dann mit einem Namenszettel. »Ich lege es in den Safe.«

Eileen wies die schwarze Stoffbahn entlang, die das Ladeninnere abschirmte. Laura nickte. Sie würde eben die Schuhe mit ihrem Gedächtnis fotografieren, ohne Smartphone.

Der schwarze Stoff musste aus einem besonderen Material gewebt sein. Vielleicht für Tonstudio-Bedarf, Laura hörte nichts, nicht einmal die eigenen Schritte. Und ein bisschen kam sie sich vor, als würde sie durch eine geheime Passage in eine Parallelwelt schweben. Laura kam sich so leicht vor.

Sie folgte einem langen, engen Zickzack-Gang. Irgendeine Loungemusik mit Osteuropa-Drive hörte sie immer deutlicher, je weiter sie ins geheime Schuh-Universum vordrang. Der Song hätte beim Eurovision Song Contest sicher zehn bis zwölf Punkte der Publikumsvotes bekommen. Laura bog um die letzte Stoffbahn und …

Sie konnte nicht anders. Ein leises »Wow« entschlüpfte ihr, das Josefine sicher peinlich gewesen wäre. Aber gerade weil sie wusste, wie es noch vor ein paar Stunden ausgesehen hatte, war die Verwandlung des Ladens von Style rebel so beeindruckend. Laura hatte keine Ahnung, welche optischen Tricks den Raum so groß wirken ließen.

Er war in mildes Sonnenuntergangslicht getaucht. Es ließ die Gesichter der Gäste entspannt und gesund erscheinen, Photoshop war nichts dagegen. Vielleicht dreißig Leute standen, einen Begrüßungssekt in der Hand, in Grüppchen um den noch ins Yunus-Q-Papier verhüllten Paradiesbaum. Vom Boden bis zur Decke glänzte auf weißem Papier in Brombeer das Style rebel-Logo an der Wand. Weitere Gäste saßen auf drei Rundsofas in Brombeersamt. Den Boden bedeckte ein saphirblauer Teppich.

Laura pikste ein bisschen, dass sie sofort professionell erfasste, wie viele gekommen waren. Laura wollte so sehr die Agentur und ihren Alltag in Hamburg und Ben ganz besonders vergessen. Heute Abend wollte sie nur die glückliche Schuhsammlerin sein.

»Frau Kohrs!« Yunus legte die Hände wie zum Gebet aneinander.

Laura genoss es, dass alle in der Nähe die Köpfe drehten. Yunus Q kam sogar auf sie zu. Und das versetzte Laura einen Energiestoß. Wie im Fernsehen trug er einen schmeichelnd engen dunkelbraunen Anzug im Ton seiner Haarfarbe, was noch einen seltsamen Effekt auf Laura ausübte. Sie spürte den Impuls, ihm über den Arm zu streichen und dann übers Haar. Nur um zu wissen, ob sich Stoff und Haar gleich anfühlten. Sie wollte den Menschen einmal direkt spüren, der solche Wunderwerke von Schuhen erschuf.

»Ich darf doch Josefine sagen?«

Laura wollte nicht patzen, nicht jetzt. Sie nahm alle Kraft zusammen, lenkte die Energie in ihr um in den Spaß des heutigen Abends. »Nenn mich Josefine.«

»Ich muss dir jemanden vorstellen.« Yunus zog sie am Jackenärmel mit sich.

Josefine quatschte allerdings auch immer drauflos. Nur wie? Laura gab sich innerlich einen Schubs: Loslassen! Einfach machen. »Es riecht gar nicht mehr nach Baustelle. Wie hast du das so schnell hingekriegt? Und wonach duftet es hier eigentlich so herrlich nach Orient?« Keine Ahnung, was genau es sein könnte, aber Laura wackelte einfach mit der Hochfrisur.

Yunus lachte. »Man reibt Zimt, Nelken und Kardamom mit ein paar getrockneten Zitrusfrüchten zu Pulver und stellt das eine Stunde vor dem Event in Schälchen in den Raum. Danach sind alle störenden Gerüche weg. Geheimrezept meiner Großmutter.« Yunus umkurvte den verpackten Paradiesbaum.

Dahinter hörte sie ein perlendes Lachen, das von einer irren Tonhöhe wie eine Harfe in die tieferen Sphären glitt.

Laura erkannte es sofort. Die Baroness. Wenn sie es auch sonst nur als YouTube-Version hörte. »Dass die überhaupt zu dir kommt, wundert mich.«

»Wieso? Die Baroness of Stratminster kommt seit meinem Eröffnungsjahr.« Er klang so tiefenentspannt. Dabei verriss die Engländerin seine Kollektionen bis auf ein paar Stücke in jeder Saison. Natürlich völlig zu Unrecht.

»Wie kann dich …« Laura merkte erst im letzten Moment, dass sie beinahe aus der Tarnrolle fiel.

»Sie ist eine unbestechliche Kritikerin.« Yunus winkte der Designerin zu, die hinter der Säule mit ihrer Entourage auf einem der runden Sofas saß.

Sie lächelten einander sogar an. Nicht einmal falsch oder aufgesetzt, einfach freundlich. Heute Abend trug die Baroness allerdings nur eine military-fleckige Bomberjacke zu schwarzen Hosen, wie sie die Typen in Wedding gern trugen. Draußen war sie sicher nicht aufgefallen.

»Ich habe es dir ja angekündigt«, flüsterte Yunus und steuerte auf eine Gruppe links vor dem Fenster zu, wo drei runde Sofas standen, bedeckt mit vielen Kissen wie im Orient. »Ich halte meinen Teil unserer Abmachung. Die Frau mit dem in das Kleid integrierten Seidenschleier ist die Scheicha Warrabi Es-Sur.«

Laura wurde schwummrig. Was um Himmels willen wollte Josefine von einer Ölprinzessin?

Yunus’ Blick war ihr so zugewandt und gleichzeitig so offen neugierig, als sähe er in dieser Sekunde nur sie. Laura fühlte ein Rieseln über ihren Rücken gleiten, trotzdem rang sie sich ein schnippisches »Aha« ab.

Yunus zwinkerte und ging weiter zu den Sofas. Drei in dunkle Samtkleider gehüllte Araberinnen tuschelten miteinander.

»Her Royal Highness, verzeihen Sie. Darf ich Ihnen die beste Trendscout Deutschlands, wenn nicht Europas vorstellen.« Yunus deutete vor der Ältesten eine Verbeugung an und wies wie ein Conférencier anno 1924 auf Laura. »Josefine Kohrs.«

Laura hatte als Event-Managerin schon ein paar Adelige getroffen, meist versoffene Grafen mit Hang zur falsch, nämlich auf ihrer Hüfte, platzierten Hand. Oder Pseudo-Gräfinnen, die mit Ex-Politikern in Pools planschten. Aber eine echte Scheicha aus Abudingsda hatte sie noch nie kennengelernt. Als Laura hatte sie die richtige Anrede recherchiert, zwei Wochen vorher. Als Josefine – streckte sie einfach die Hand aus. »Guten Abend, Prinzessin.«

Die drei Araberinnen lachten sympathisch. »Setz dich. Endlich mal jemand, der kein großes Tamtam macht«, sagte die jüngste Begleiterin neben der Scheicha und rückte ab.

»Ihr Akzent klingt bayerisch. War die Nanny von dort?«, fragte Laura einfach frech weiter. Das machte richtig Spaß, mal ohne Agentur-Schere im Kopf mit wichtigen Leuten draufloszuquatschen.

»Nee, ich war auf einer Privatschule in Starnberg.«

»Ich musste nach Montreux en Suisse«, sagte die zweite, jüngere Begleiterin mit französischem Akzent.

»Zscht«, machte die Scheicha. Sie strich sich den Schleier etwas weiter hinters Ohr. Der Teint war makellos und nur mit etwas Puder und Rouge aufgehellt. Sie war höchstens dreißig.

»Ich habe viel von Ihnen gehört.«

In ihren grünen Augen leuchtete ehrliches Interesse. Laura war die Prinzessin auf Anhieb sympathisch. Es tat ihr fast ein bisschen leid, dass sie etwas vorspielen musste. Aber wahrscheinlich hatte die Prinzessin Humor, falls sie es überhaupt herausbekommen würde. »Verraten Sie mir bitte, wer was über mich verbreitet, damit ich einen Geschenkkorb abschicken kann. Oder eine Unterlassungsklage, je nachdem.« Laura imitierte Josefines Körperhaltung. Ein wenig verdrehte sie den Kopf und hob die linke Schulter.

Die Scheicha legte den Finger auf die Lippen. Sie beugte sich noch weiter vor. Ihre zwei Begleiterinnen rückten mit den Köpfen nach. Seide raschelte. »Was halten Sie denn von Yunus Q. Hat er Chancen auf …« Sie ließ die Ohrgehänge wackeln.

Laura wusste nichts, hätte es aber zu gern. Bei der Preview wurde also etwas ausgeheckt. Noch ein aufregendes Geheimnis um Yunus. Laura suchte ihn kurz mit dem Blick. Er ging gerade zur Baroness und breitete die Arme aus. Laura fühlte einen Stich.

»Was wird Yunus Neues zeigen? Worauf wetten Sie?« Gerade weil sie flüsterte, war klar, dass die Scheicha fast vor Neugier platzte. Wie Laura auch.

Wenigstens kannte sie Josefines Repertoire an ausweichenden Floskeln auswendig. »Die Schuhe hier sind edgy, und Yunus Q ist definitiv avant-le-trend. Ishi-mari-mas, wie die Japaner sagen.«

»Genau! Und erst recht ischi-ko.« Die mit dem Montreux-Akzent nickte.

Noch mehr illustre Gäste kamen. Mehrere Frauen in teuren Modellkleidern, die man in Hamburg nur auf Industriellen-Galas trug. Seide raschelte von überall.

Die drei Paare unterhielten sich aber gedämpft auf Russisch.

»Nur Yunus Q kann es schaffen, den …« Kleinere Diamanten glänzten im Nasenwinkel der jüngeren Prinzessin.

»Zschsch«, machte die Scheicha nur. Sie hob vorsichtig den Kopf und checkte, wie weit entfernt die nächste Gruppe stand. »Ich kann hier nicht reden.« Sie senkte die Stimme. »Es ist besser, wenn wir nicht zu lange zusammen gesehen werden.«

Schade, Laura hatte darauf gehofft, dass die Töchter sich verplapperten. Eigentlich hätte Josefine ihr doch brühwarm erzählt, wenn sie einen lukrativen Auftrag von den Scheichs bekommen hätte. Besonders bescheiden war sie ja nicht. Laura erhob sich. »Ich bin gespannt wie Sie, was hinter den weißen Säulen auf uns wartet.« Laura winkte und wollte sich nach Yunus umsehen.

»Attendez.« Die eine junge Prinzessin hielt sie einfach am Ellbogen fest. Sie machte einen Schmollmund, zog die dünnen Lippen glatt und schob sie wieder vor. »Die Lippen werden ja schon lange gestrafft und geschnippelt. Was kommt als Nächstes dran?«

Die andere ließ die Hände über ihren Körper gleiten. »Hier oder hier oder da?«

Laura griff zur Hör-mal-Süße-Pose ihrer Freundin. Sie stützte die Hand am linken Gürtel ab, während sie mit rechts die Sonnenbrille richtete. Gott sei Dank hatte sie das Thema Schönheits-OPs mit Josefine ausgiebig diskutiert. Die war folgender Ansicht: »Schönheitschirurgie ist inzwischen so was von Middle-Class, das geht gar nicht für Prinzessinnen. Jetzt kommt natürliches De-. Das heißt: Du gehst als vierzigjährige immer noch in die Klinik rein, kommst aber nicht mehr so glatt gebügelt wie eine fünfundzwanzigjährige raus. Mit behutsamem natürlichem De-Aging kommst du nach drei Wochen raus wie eine wie nach einer Wellnesskur erholte dreißigährige, die so glatt wie eine fünfundzwanzigährige aussieht.«

»What?«, riefen alle drei Prinzessinnen auf einmal.

»Der Unterschied liegt im Detail. Und im Preis. Das kennt ihr doch von den Schuhen, nicht?«

Damit ließ Laura die drei sitzen, sonst hätte sie prusten müssen. Über die Schulter bekam sie noch mit, dass die Ohrgehänge schaukelten, so heftig nickten die drei. Die Scheicha hob den Daumen und zwinkerte ihr zu.

Laura wunderte sich über ihr schauspielerisches Talent. So schnell konnte man also in eine andere Haut schlüpfen und sich darin so richtig wohlfühlen. Wahrscheinlich, weil man die eigene einfach irgendwo abgeben durfte. Heute nicht nachdenken, genieß den Abend einfach. Ihre Freundin hatte ja so recht. Laura erlaubte sich neugierige Blicke auf die Gäste.

Hochtoupierte Ladys undefinierbaren Alters, deren Geld dreimal so alt war wie Lauras Großmutter. Ein paar dürre Frauen, die wahrscheinlich sonst auf Laufstegen arbeiteten.

Und Erbinnen wie Marseille Fullton, die mal wieder ihrer Marotte von grün lackierten Nägeln frönte.

So spannend es war, zwischen all diesen Prominenten und Influencern zu stehen, wirklich gefangen nahm sie das Universum, in das Yunus Q seinen Laden verwandelt hatte. Kreativität war so etwas Wunderbares, so eine gute Energie, die einfach glücklich machen konnte. Weil sie die Welt schöner machte.

Laura schielte zur Decke, die mit einem geometrischen Muster die Illusion von Höhe erzeugte. Sie bewunderte die lange Reihe von Downlights, die über den runden Sofas verschiedene Zonen von Helligkeit schufen, die manchmal wie kleine entrückte Kokons wirkten. In denen mal zwei, mal drei Gäste miteinander tuschelten.

Noch ein paar Minuten, und vor Laura wurden die allerneusten Kreationen enthüllt. Und nicht nur ein Schuh, auch im Schuhparadies herrschte Fülle. Laura fühlte sich beschwipst wie von einem wunderbar kalten Glas Champagner.

Hinter Laura raschelte der magische schwarze Vorhang, durch den alle eingelassen wurden.

Der Brustumfang des Mannes war nicht nur groß. Ihre Freundin hatte sie vorgewarnt. Live sah er noch besser aus als on screen. Cheep Dekstor himself, der sich lässig den schwarzen Vorhangstoff von der Schulter schnippte.

»Cheep!«, rief Yunus unweit aus und fiel seinem neuen Gast um den Hals.

Yunus blickte an seinem Gast herunter. Cheep hatte nur Klamotten an, die selbst bei Woolworth auf dem Restetisch lagen. Aber dem sexiest man alive, den Titel hatte Cheep gerade gewonnen, konnte das nichts anhaben.

Laura hätte am liebsten laut gelacht. Die Gäste taten so, als wären sie mit etwas Wichtigerem beschäftigt, als die beiden Männer zu beobachten. Und fast allen Frauen gelang das schlecht. Sogar die Baroness schielte aus den Augenwinkeln zu Cheep hin.

Und Laura merkte, dass ihrer an Yunus hängen blieb, blonder Wikinger daneben hin oder her. Sie war wohl doch kein so großer Cheep-Fan wie gedacht.

Sie drehte sich um und suchte schlendernd einen Sitzplatz. Das würde ihre Coolness manifestieren.

»Bougainvillea sour!«, rief jemand.

Es war nicht das seltsame Wort, das Laura zurück ins Geschehen riss. Es war dieses tiefe Vibrieren in der Bassstimme, das in ihr nachhallte und ihren Bauch in eine sehr feine Schwingung versetzte. War das etwa Cheeps Originalstimme? Laura blickte wieder zum Empfangsbereich.

»Your welcome.« Die Stimme gehörte aber einem blonden Kellner, der Yunus und Cheep ein Tablett hinhielt, das mit Cocktails vollgepackt war.

Ein ganz anderes Exemplar von Männlichkeit, aber durchaus interessant. Laura scannte ihn. Seine Haltung imitierte zwar einen britischen Old-School-Butler, es passten aber weder der eng sitzende Businessanzug noch die lila Socken dazu. Auch waren die blonden Haare zu gezielt in perfekte Unordnung geschnitten. Und schon gar nicht passte das Coole-Jungen-Grinsen. Wenigstens war es ironisch.

»One of my favorite cocktails, great. Thank you.« Cheep griff zum pinkfarbenen Getränk, das ein Stück Melone schmückte.

Der blonde Butler nickte, drehte sich um, peilte ein wenig die Versorgungslage der anderen Gäste. Als er Laura erblickte, kam er direkt auf sie zu. »Dairy disaster mit einem Schuss Red Bull. Wie wär’s, Frau Kohrs.« Er flüsterte nicht, er raunte basstief direkt in ihr Ohr, so nah war er an sie herangetreten. Sie roch sogar ein gutes Aftershave.

Laura hatte Mühe, alle ihre Sinneseindrücke auseinanderzuhalten. Die tiefe Stimme strömte als wohlige Welle durch sie, doch schrillten bei dem Namen des Lieblingscocktails ihrer Freundin die Alarmglocken. Beziehungsweise, ihre Magennerven rebellierten vorsorglich. Leider roch Laura auch den Buttermilchcocktail schon.

Der Butler grinste und beugte sich noch weiter zu ihr herab. Unter dem engen weißen Hemd erahnte Laura einen gestählten Körper, Typ Bergsteiger. Ohne Training hätte er nie das Gewicht des Tabletts mit den vielen Gläsern so halten können. Sogar durch die brombeerfarbene Brille konnte Laura erraten, dass seine Augen hellblau waren. Er drehte das Tablett so, dass ein weißer Becher mit einem grünen Halm direkt vor ihr stand. So musste sich schachmatt für einen Champion anfühlen.

»Wie aufmerksam«, stöhnte Laura, als sie notgedrungen zugriff.

»Yunus besteht darauf, dass wir alle Lieblingsgetränke der VIP-Gäste vorab recherchieren und servieren.«

Perfektion war eine Falle, in diesem Fall für sie.

»Tatsächlich?« Laura hielt den Becher so weit von sich als möglich. Dairy disaster roch, wie es hieß. In Wirklichkeit hatte Josefine nur einmal aus Spaß behauptet, die Geschmacksverirrung sei ihr Lieblingscocktail. Ihr Facebook-Eintrag troff geradezu vor Ironie. Wieso verstand Yunus das nicht?

»Ich habe das Rezept eigenhändig recherchiert und für Sie gemixt. Die Buttermilch ist bio, selbstverständlich.«

Der war also der Übeltäter und blickte auch noch so ehrgeizig, dass Laura seufzen musste. Hoffentlich verriet er ihr jetzt nicht die übrigen Ingredienzien, die sämtlich aus der Umgebung eines Appenzeller Kuhstalls stammten. Laura wollte fest daran glauben, dass die seltsamen Sprenkel im Cocktail Kräuter und Wildblumenreste waren. Sie nahm einen Schluck. Es schmeckte so eklig, dass sie tief Luft holen musste.

»Der Hammer«, flüsterte der Butler.

Seine Stimme war noch tiefer geworden. Aber irgendwie vibrierte in Laura davon gar nichts mehr.

»Ich habe den Rest aus dem Mixer probiert. Ein echter Energybooster. Vielen Dank für den Tipp.« Und schon richtete er sich wieder auf und bediente die Nächsten.

Laura folgte mit dem Blick sehnsüchtig dem sprudelnden Gingerale, das er der Scheicha hintrug. Eines der vielen Champagnergläser hätte es auch getan. Sie hielt den weißen Becher in der Hand. Wohin damit, ohne dass es auffiel? Erst einmal partymäßig zum Rundsofa gehen, setzen und unweit des linken Fußes den Cocktail wie beiläufig abstellen.

Gedacht, getan.

Kaum war sie den Becher los, genoss Laura wieder die Atmosphäre.

Zwei in Lederkluft gepackte Latinas mit lila Fingernägeln stolzierten auf High Heels vorbei. Ein weißbärtiger, dicker Mann hätte der Weihnachtsmann auf Sommerurlaub sein können. Allerdings trug er strenges Mode-Schwarz. Und unaufhörlich schnatterte die versammelte Modebranche um sie herum wie eine Schar wild gewordener Gänse.

»… sollte ja eigentlich Angelina machen, aber …«

»Das Topmodel?«

»… die ist doch heute in Tokio, steht doch in ihrem Blog …«

»… aber nur weil Enrique dem Giorgio gedroht hat, wenn er das veröffentlicht, verkauft er …«

»… gehört doch alles Gucci …«

»… seit wir in Chongching die fünfzehnte Filiale …«

»… liebe Ballerinas … so softige Thongs wie bei Yunus …«

Laura stellte ihren Fuß vor den Becher und nestelte an ihrem Schuh. Dabei schob sie mit der anderen Hand den Becher tief hinter das Rundsofa. Sie konnte nur hoffen, dass die Bio-Buttermilch nicht im Laufe des Abends umkippte und die weiße Brühe vor sich hinstank.

»Pawel Corona soll ja schon wieder in der Klinik sein, weil jetzt auch noch seine Assistentin weggelaufen …«

»Der gehört doch zum Inventar in der Betty Ford Clinic …«

»… du meinst Beneventura, ich meine Benevolci …«

Laura erhob sich von dem Rundsofa, ihr war schon ganz schwindelig von den ganzen Namen, und schlenderte an den Grüppchen von Leuten vorbei. Eine sehr dünne Frau, an deren Handgelenk Onyx-Armbänder klirrten, warf exaltiert die Arme in die Luft. Drei stämmige Herren in teuren Anzügen hielten sich stoisch desinteressiert an ihren Champagnergläsern fest und ließen dabei schwere Armbanduhren sehen. Eindeutig waren das getarnte Security-Männer. Laura merkte, dass sie ihren Agenturblick halt nicht ganz abschalten konnte.

Im Kopf aktivierte sie ihren Universalübersetzer wie bei den Events, die sie betreute. Sie vertraute auf ihre Sprachkenntnisse in Englisch, Französisch und ein bisschen Spanisch. Ihr Hirn würde die gehörten Vokabeln mit den wahrgenommenen Gesten der Leute zu Sinneinheiten verknüpfen.

»… die Scheicha ist diesmal in der Jury …«

»… Scarpa adamantina ist ein Traum, Piotr hat sie entworfen … nein, nicht geschüttelt, gerührt … Die Contessa lässt sogar das Zimmer segnen, von einem echten Kardinal … Aber erzähle das bloß nicht weiter, alles super geheim, ich weiß es auch nur von …«

Etwas streifte nur kurz ihre Hand. Glatt und seidig warm glitt ein Anzugstoff über ihren Unterarm. Laura drehte sich um. Yunus stand ganz nah bei ihr. Der Impuls, ihn zu berühren, war sehr stark, einmal zu spüren, wie sich dieser kreative Mensch anfühlte, ob der Stoff so weich war, wie das Haar schimmerte. Laura legte die Hand schnell in ihren Ausschnitt.

»Siebenundneunzig Prozent der Gästeliste sind da«, sagte er. »So viele waren es noch nie. Wir können gleich beginnen.«

»Ein schöner Erfolg für dich«, sagte Laura.

»Vielleicht. Falls die Scheicha wirklich der Jury vorsitzt«, sagte Yunus leise. Seine Stimme zitterte ein bisschen.

Vor Aufregung, vermutete Laura.

»Welcher Jury denn eigentlich?«, hakte sie sofort nach.

»Josefine«, er berührte ihre Hand ganz sanft mit dem seidigen Ärmel seines Anzugs, »tu nicht so, als ob du nicht längst wüsstest, dass die erste Scarpa adamantina verliehen werden soll.«

Josefine las zwischen Worten leicht die Geheimnisse der Menschen heraus. Leider fehlte Laura dieses Talent. Sie wiederholte Josefines Zauberwort für schwierige Gesprächssituationen: »Hmhmm.«

Yunus hob kurz die Schultern. »Niemand weiß etwas Genaues. Jemand mit sehr, sehr viel Einfluss soll eine Art Oscar fürs Schuh-Design gestiftet haben, eben die Scarpa adamantina. Ein internationaler Preis soll es werden, offen für alle, die kreativ sind und cutting-edge. Genaueres weiß niemand.«

»Das wäre das erste Mal.« Laura stützte die Hand in die Hüfte und sah ihn an. »Seit wann bleibt denn in deiner Branche etwas geheim?«

»Unterschätze die fashion people nicht.« Yunus blickte zu Boden. »Wenn’s um viel Geld geht, schon. Sicher ist nur, dass die Marke Scarpa adamantina vor drei Wochen geschützt worden ist. Der italienische Ausdruck bedeutet Diamantschuh.«

»Dann kann man doch leicht rausfinden, wer die Marke für sich geschützt hat, oder?«

»Josefine. Du bist so direkt, das gefällt mir.« Yunus legte seine Fingerspitzen auf Lauras Handrücken.

Von dort schoss ein Nervenflimmern bis in ihren Kopf – und seltsamerweise flirrten zig Bilder von Schuhevents rasend schnell durch ihren Geist. Übertrug sich kreative Energie wirklich?

»Die Idee hatte ich auch«, seufzte Yunus. »Aber man findet nur heraus, dass es eine Luxemburger Gesellschaft ist, die –«

»Scarpa adamantina international heißt. Oder so ähnlich.« Laura kannte das von den Events bei Industrieunternehmen, die meistens eine Tochtergesellschaft abrechnete.

»Genau. Es ist Absicht, damit niemand Namen streut. Keiner will es sich mit dem geheimnisvollen Stifter verderben, weil niemand weiß, wer es ist.«

»Aber ziemlich bald wird dieser Jemand oder diese Jemandin«, Laura drehte sich zur Scheicha um, »den Preis ja öffentlich ausschreiben müssen. Woher sollen sonst die Kandidaten kommen?«

Jetzt zog Yunus die Hand weg.

Hatte sie zu viel Business-Talk gemacht und sich verraten?

Yunus blickte sie an und blinzelte wie von einem Staubkörnchen irritiert. »Nein, nein. Es soll ein Wettbewerb auf Einladung werden. Höchste Exklusivität. Gerüchte behaupten, dass ein Nominierungsteam bereits weltweit unterwegs sei.« Sein Blick schweifte zum verhüllten Paradiesbaum. »Hoffentlich halte ich dem Anspruch stand.« Er vergaß ganz kurz zu lächeln.

Deshalb der ganze Aufwand. Einen Moment las Laura echte Angst in seinem Blick. Die Angst eines kleinen Jungen, von der In-Group ausgeschlossen zu werden, nicht gut genug zu sein, beim Ballwerfen, beim Bäumeklettern oder beim Schuh-Design. Sie fühlte einen Impuls, ihn in die Arme zu nehmen, zu schütteln und an seine geniale Schöpferkraft zu erinnern. Und wenn sie schon so nah an ihm dran war, könnte sie sich dann auch gleich an ihn schmiegen … Es erschien Laura gleichzeitig so seltsam, dass sie lachen musste.

»Früher oder später erfahren wir alles. Ohne richtig viel Publicity funktioniert so ein Preis nicht. Ewig wird man nicht warten können.«

»Darum habe ich ja die Preview vorgezogen«, flüsterte Yunus. »Ich sage es nur dir, die Hälfte meiner Sommerkollektion ist noch gar nicht fertig.« Und sah dabei zu Boden.

Wenn Modemenschen vertraulich wurden, logen sie. Behauptete Josefine. Aber Laura spürte, dass es bei Yunus anders war. »Solange du Ideen hast, ist doch …«

»Yunus übertreibt wieder.« Der Butler mit der Bassstimme unterbrach sie. Er hielt das leere Tablett wie einen Schild vor dem Ritterkampf vor die Brust. »Ich bin hinten an der Bar. Wollt ihr auch was?«

»Mineralwasser, still«, sagte Yunus matt.

»Champagner, pur«, rief Laura schnell.

»Aye, aye, Ma’am.« Das Nicken war formvollendetes Butler-isch, falls es das Wort gab.

Yunus blickte dem Blonden nach, wie er ganz am anderen Ende des Raumes in einer Lücke im schwarzen Tuch verschwand. »Unsere Bar ist nicht ganz präsentabel.«

Laura war neugierig, und Josefine hätte keine Sekunde gezögert. »Wer ist denn dieser blonde Hüne von einem Butler?«

»Fabian Schröder natürlich. Man erkennt ihn kaum, so als Kellner, nicht?« Yunus lachte auf. »Er ist meine Company. Normalerweise ist er nicht so …« Er zuckte mit den Schultern. »… gefügig.«

Laura war sich nicht sicher, ob der Universalübersetzer in ihrem Ohr spann. Yunus hatte Company, nicht Kompagnon gesagt. Waren die beiden am Ende ein Paar? Oops. Da war wohl nichts mit Anschmiegen zu holen. Schade …

Von Yunus kam kein erklärender Satz, weil er Sophie Kluntjesmaker zuwinkte. Sophie war ganz in Grün gekleidet, seidige Schleier umwehten ihren schmalen Körper, als schwebe sie direkt aus dem Elfenreich herein. Selbst der Metallschmuck leuchtete grün eloxiert und wirkte trotzdem teuer. Wahrscheinlich waren die Smaragde sogar echt.

Sie betrieb das meistgelesene Social-Expert-Blog der Modewelt. Josefine hasste Sophie, weil die Elfe bestechlich war. Jedenfalls unterstellte Josefine ihr das. Sophie boostete angeblich in ihrem Blog Modetrends, wenn sie von den Herstellern ordentlich entlohnt wurde. Entweder bar auf die Kralle oder in unbezahlbaren Einzelstücken. Laura las das Modeblog von Sophie Kluntjesmaker eigentlich gern, weil sie auch hart austeilen konnte.

»Du entschuldigst.« Yunus’ Blick wartete auf Lauras Zustimmung. Seine Finger streiften ihren Ellbogen, was Laura schon wieder ein Nervenkitzeln schenkte. »Ich muss die Queen of Hearts begrüßen«, flüsterte er.

So hieß Sophie bei ihren Fans – nach dem Herztattoo, das sie sich auf die Wange hatte stechen lassen. Es war gerade groß genug, dass man es noch erkennen konnte, und so klein, dass es nicht störte.

Yunus wechselte vor den Vorhängen ein paar Worte mit Sophie, die Laura nicht hören konnte. Die drei arabischen Prinzessinnen tuschelten nur noch, und abrupt wechselte die Musik.

Und plötzlich lag etwas Nervöses in der Luft. Die Stimmen wurden lauter, die Lacher spitzer. Eileen hob neben den Vorhängen am Eingang den Daumen wie eine Stewardess als Signal für boarding completed.

»Sophie, ein bisschen Eskimo Lemon für dich?« Butler Fabian war hinter dem verpackten Baum aufgetaucht und hielt ein Tablett vor die beiden hin und winkte Laura aka Josefine zu ihnen. »Es gibt auch einen frischen Dairy disaster!«

Er reichte Laura einen weißen Becher mit der freien Hand.

Darin war aber einfach Champagner eingeschenkt.

»Da hat ja einer gut aufgepasst.« Laura fiel kurz aus der Rolle, so erleichtert war sie, dass ihr ein zweites Glas verunglückter Milch erspart blieb. »Echt supernett.«

Sie griff deshalb extra ladylike-exzentrisch danach.

Butler Fabian lachte. »Schmeckt Ihnen bestimmt noch besser.«

Sophie bekam von Yunus ein Wasserglas mit einer klaren Flüssigkeit vom Tablett gereicht, das nach Zitronenaquavit roch. Alle drei prosteten sie sich zu.

Die Bloggerin legte sich ganz wie in einem billigen Highschool-Film eine Hand auf die Brust. »Du warst mein großes Vorbild in der zehnten Klasse!«

Laura imitierte Josefines Abwehrpose Nummer vier: Sie stützte ihren linken Ellbogen auf die rechte Hand. »Nein, wirklich?« Josefine mochte keine Anspielungen auf ihre Anfangszeit als Modejournalistin in Jugendblättern. Noch weniger konnte sie es leiden, wenn man irgendwie andeutete, dass sie zu einer älteren Generation gehörte.

»Ich habe damals jede Woche auf deine Trendtipps in der Girls hingefiebert, ob du auch gut findest, was ich gut finde. Und dann habe ich für meine Freundinnen gepostet, und das hat sich irgendwie verselbstständigt. Und jetzt bin ich so erfolgreich.« Sie schenkte Yunus ein Elfenlächeln. Und zwar so intensiv, dass sie Laura das Gefühl vermittelte, überhaupt nicht anwesend zu sein. So viel zu ihrer Verehrung von Josefine …

»Yunny, du hast doch sicher ein Smartphone«, flötete Sophie.

Sie nannte ihn bei einem Spitznamen? Laura spürte einen deutlichen Stich, der sie noch mehr irritierte, weil sie gar keinen hätte spüren dürfen. Sie kannte Yunus doch erst seit heute Mittag. Und Elfe Sophie war eigentlich keine ernst zu nehmende Konkurrenz für niemanden.

»Ich muss unbedingt meine Freundin Tracy anrufen, weil ich hier unser großes Vorbild getroffen habe. Tracy ist sozusagen mein Gegenstück in den USA und auch Trendbloggerin. Die Tracy Conelly. Bitte, bitte, Yunny.«

Ehe er antworten konnte, sagte Laura schon: »Bloggen und Trendscouting sind nicht dasselbe.« Irgendwie übernahm Josefines Identität wieder das Ruder, und Laura wollte sich auch gar nicht dagegen wehren. Sie ärgerte sich wirklich über so viel Naivität, gespielt oder nicht. Wahrscheinlich wollte sie nur etwas vorab von der Preview posten. So weit käme es noch … »Ihr Blogger kommentiert aktuelle Trends mit ein paar cleveren Pics aus dem Netz. Wir Scouts spüren sie in der Reality auf. Und bevor irgendwer irgendwas postet.«

»Mit so … so«, ihr Blick strich nach etwas suchend über Lauras Outfit, aber Coolness gelang dem Elfchen nicht, »mit so Old-School-Sonnenbrillen in Dunkelbraun sieht man aber gar nichts.«

»Die Tönung ist Brombeer.« Laura rückte die Brille zurecht.

Die Elfe streckte die Hand aus. »Yunny, gib mir sofort dein Phone, damit ich Tracy erzählen kann, was Josefine Kohrs in Wirklichkeit für eine Bitch ist.«

Fabian sorgte dezent mit dem Tablett für Abstand, worüber Laura wirklich froh war. Es wurde Zeit, dass die Schuhpräsentation endlich startete, bevor sie Josefines Ruf ruinierte.

Yunus wechselte einen kurzen Blick mit ihm, und prompt schaltete Yunus sein Medienlächeln an. »Sophie, Darling, wir bleiben hier erst mal unter uns.« Er hakte sich bei Laura unter. »Dann hast du später umso mehr fürs Blog zu schreiben«, Yunus klang so milde, dass es nicht echt sein konnte.

Laura kannte diesen Typus junge Frau aus der Arbeit in der Agentur: die supersüße Praktikantin, die sich das Naive als Karrieremasche zugelegt hatte. »Die Girl-Boss-Masche ist so was von 2010.« Laura nutzte die Gelegenheit und flüsterte Yunus, aber für Sophie hörbar, ins Ohr. Lauras Lippen strichen sanft die weiche Haut an Yunus’ Ohrläppchen, und ihr Körper kribbelte unwillkürlich.

Yunus’ Nougatblick, als Sophie der Mund offen stand, ließ Laura schmelzen. Sophie griff sich einen nicht für sie bestimmten roten Cocktail, trank ihn in einem Zug aus und wischte sich unelfenhaft mit dem Handrücken den Mund ab. »Yunny, dein Phone.«

Yunus schüttelte nur den Kopf und strich sich sanft über die Stelle am Ohr, da wo Lauras Lippen es sacht berührt hatten.

In dem Moment hielt einer der fünf Italiener Sophie ein Minimal-Phone hin, wonach sie sofort grapschte.

Alle erstarrten. Fabian machte einen Schritt zurück.

Ein Posting würde Laura enttarnen, weil Leute merken würden, dass die echte Josefine in Florida war.

Yunus starrte das Phone an. Sein Gesicht wurde vor Wut blass. Neben ihm vibrierte Butler Fabian bis in die Schuhspitzen. Er lief rot an. »Keine Fotos!«

Die Sicherheitsregeln, der Detektor am Eingang! Wie kam das Ding überhaupt hier noch rein?

»Zoom auf …« Sophie grinste.

Laura schnappte sich ein dickes Glas Rotwein von Fabians Tablett, der es just in diesem Moment einfach vor Yunus auf den Boden fallen ließ und einen riesigen Ausfallschritt auf Sophie zumachte. Er streckte die Arme nach dem Minimalphone aus.

Laura schwirrte blitzschnell wie Wonder Woman in die gleiche Richtung. Der Wein kippte zwar aus, traf aber leider nicht die Richtige, denn Sophie drehte sich in diesem Moment weg und ließ das Handy fallen. Das landete zwar in Fabians Hand, allerdings der Rotwein auch. Fabians gesamte Vorderseite bekam den Hauptteil vom hochspritzenden Rotweinregen ab.

»Crazy.« Sophie klang geradezu anerkennend im konzentrierten Schweigen der übrigen Gäste.

»Go, now!« Yunus deutete auf den Italiener.

Der blubberte: »Scusi. So sorry. Forgot about your rules.«

Doch Yunus deutete streng in Richtung schwarzer Vorhang. »Rrraus!«

Das wirkte. Die Gäste formten eine Gasse, sogar die vier anderen Italiener zogen sich von dem Smartphone-Schmuggler zurück. Eine Japanerin verbarg ihr Gesicht hinter einem Fächer, die Russinnen prüften ihre Fingernägel, ohne dass ihnen etwas von der Szene entging. Die Scheicha saß still, die Ladys des Uradels reckten die Hälse. Alle schwiegen, in dem Moment wurde die Musik wieder lauter, und es erklang Sambamusik im Hintergrund.

Der Italiener senkte den Kopf und ging zum schwarzen Vorhang, wo ihn Eileen sofort aus dem Blickfeld schaffte.

Prompt setzten die Gespräche wieder ein.

Sophie hakte sich bei den vier zurückgebliebenen Italienern ein und ließ sich eine Ecke mitziehen.

Yunus drehte sich einmal um die eigene Achse. »Die Menschen sind einfach zu neugierig.« Eine steile Falte stand auf seiner Stirn.

»Vergiss ihn.« Laura stellte das leere Glas auf das Tablett am Boden. »Ehrlich gesagt. Mir geht es genauso. Ich bin so neugierig.«

»Noch ein paar Minuten, es fehlt noch jemand … Vielleicht kommt er ja wirklich. Trinkt doch noch was!« Yunus war die Aufregung ins Gesicht geschrieben. Laura hätte ihn gerne beruhigt, aber sie konnte ihn ja schlecht in den Arm nehmen oder so etwas.

»Ich glaube, ich sollte mich umziehen.« Fabian sah an sich herunter. Auf dem Anzug dunkelte der rote Wein langsam ins Purpur ab. »Flecken sind nicht gut für Preview-Fotos.«

Fabian wollte das Tablett vom Boden aufheben, doch Laura war schneller. »Ich habe was gutzumachen.« Als Superfrau müsste sie noch ein bisschen üben, zumindest was Kampftechniken anging. Aber entscheidend war, dass sie gegen die Elfe gewonnen hatte.

Yunus schob die Gläser auf dem Tablett in der Mitte zusammen. »Ganz im Gegenteil. Style rebel hat dir zu verdanken, dass Sophie von der Preview nicht jetzt schon etwas ins Netz stellt.« Eileen hob am Empfang beide Daumen ganz hoch. Fabian pfiff leise. »Jarl-der-Große wird gleich hier sein. Kümmere dich um die Baroness. Sie sollten nicht nebeneinandersitzen.«

Wow – deswegen war Yunus so nervös. Es hieß in allen Gossip-Magazinen, dass Jarl-der-Große niemals Paris verlassen würde, weil sowieso alle interessanten Menschen zu ihm kamen.

Laura blickte durch den Raum. Die vielen Eindrücke wirbelten durch ihren Kopf, der Strudel gewann Form, Yunus’ Vermutungen … Natürlich war Jarl-der-Große ein Teil des geheimen Auswahlkomitees. Wer sonst? Lauras Fingerspitzen kribbelten. So langsam bekam dieser Modezirkus einen gewissen Reiz; so aufregend war es in ihrem Leben schon lange nicht mehr gewesen. Und dann auch noch die Aussicht auf fantastische Schuhe …

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Ein extrem attraktiver Schuhdesigner, ein smarter Schuhfabrikantenerbe und jede Menge Chaos. Die lockerleichte, zuckersüße Dreiecks-Liebesgeschichte von Debut-Autorin Coco Meinhard. Schuhe verändern dein Leben. Das weiß Laura, die erfolgreich in einer Hamburger Event-Agentur arbeitet und leidenschaftlich Schuhe sammelt. Dieses Hobby versteht nicht jeder, und so findet sich Laura als frischgebackene Single in einem mächtigen Stimmungstief wieder. Ihre beste Freundin Josephine schmuggelt sie zum Trost zu einer geheimen Preview bei Yunus Q, dem Shooting Star der Schuh-Designerszene, der sie prompt zu seiner neuen Muse auserwählt. Als dann auch noch Fabian Schröder, Schuhfabrikantenerbe und smarter Mitinhaber des Labels, Laura näherkommt, wird ihre Gefühlslage kompliziert. Denn Yunus gefällt ihr ebenfalls sehr gut – mehr als das, wenn sie ehrlich ist. Doch dann taucht überraschend Top-Model Angelina Labrée auf, die ihren Ex Fabian zurückerobern will. Gleichzeitig zieht das Model Yunus immer mehr in ihren Bann. Ehe Laura die Warnungen ihrer besten Freundin Josephine vor dem internationalen Fashion-Business richtig begreift, wird sie in raffinierte Intrigen und ein Liebeschaos verstrickt, das seinesgleichen sucht ... »1001 Schuh« von Coco Meinhard ist ein eBook von feelings*emotional eBooks. Mehr von uns ausgewählte romantische, prickelnde, herzbeglückende eBooks findest Du auf unserer Facebook-Seite. Genieße jede Woche eine neue Liebesgeschichte - wir freuen uns auf Dich!

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