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Sind Scheidungskinder beziehungsunfähig?

Dass Scheidungskinder unter den Folgen der Scheidung der Eltern leiden können, ist hinlänglich bekannt. Doch reichen diese Negativfolgen auch bis ins Erwachsenenalter? Sind Kinder von Eltern, deren Ehe gescheitert ist, ebenfalls weniger erfolgreich in Beziehungen im Vergleich zu Kindern aus intakten Haushalten? Werden Scheidungskinder durch die erlebte Scheidung selber beziehungsunfähig?

Wir haben uns die möglichen Effekte einer Scheidung auf Kinder mal genauer angesehen: 

Mehr Scheidungen wegen mehr Liebe

Scheidungen sind innerhalb der letzten Jahrzehnte in der westlichen Welt zur Normalität geworden. Dieser Trend lässt sich auch in Deutschland erkennen. Ließ sich in den 1950er Jahren durchschnittlich nur jedes zwölfte Ehepaar scheiden, so liegt die deutsche Scheidungsquote heutzutage bei knapp 40 Prozent. Rund 16 Prozent aller minderjährigen Kinder werden in Deutschland von nur einem Elternteil erzogen, meist in Folge einer Scheidung. Einer der Hauptgründe dafür, dass Scheidungen und auch Trennungen immer häufiger wurden im Verlauf der jüngeren Geschichte, ist paradoxerweise die Liebe selbst. Die Heirat bzw. die Ehe war in der Menschheitsgeschichte zum größten Teil ein politisches und wirtschaftliches Werkzeug. Auch die Erziehung der gemeinsamen Kinder war dabei die vordergründige Motivation für eine Eheschließung. Heutzutage aber heiraten Menschen, idealerweise, aus Liebe. Doch wenn diese erlischt, entfällt für viele auch der Grund für die Ehe, ungeachtet der eventuellen Rolle als gemeinsame Erzieher von Kindern. Die Beziehung zu retten erscheint vielen Paaren als deutlich schlechtere Alternative. So können Scheidungskinder als die größten und oftmals einzigen Opfer einer Scheidung dastehen. Entwickeln kann sich daraus auch eine von Generation zu Generation weitergegebene Unfähigkeit für stabile, langfristige Beziehungen. Entsprechend dem Anstieg der Scheidungen wurden in den letzten Jahren deshalb verstärkt die Effekte einer Scheidung auf die Kinder der Geschiedenen untersucht. Es stellt sich die Frage, ob und wie sich eine erlebte Scheidung der Eltern auf die emotionale Entwicklung des Scheidungskindes auswirkt. Tatsächlich lassen die meisten Untersuchungen darauf schließen, dass eine Scheidung in einigen Aspekten negative Folgen für die Kinder nach sich bringen kann.

Effekte einer Scheidung auf die Beziehungen von Scheidungskindern

Mittlerweile gibt es v.a. in den USA viele gut dokumentierte Studien, die die Effekte von Scheidungen auf die Beziehungsfähigkeit von Scheidungskindern untersuchten. Grundsätzlich sollte dabei stets zwischen den Einstellungen gegenüber Beziehungen und das tatsächliche Verhalten in solchen unterschieden werden. Es lässt sich generell sagen, dass Scheidungskinder weniger positiv eingestellt sind gegenüber der Ehe als Kinder aus intakten Familien. Umgekehrt ist der Prozess der Scheidung akzeptierter unter Scheidungskindern. Trotzdem wollen alles in allem auch die meisten Scheidungskinder heiraten und eine Familie gründen.

Ebenso scheinen die Einstellungen gegenüber der Ehe und Scheidung mehr von der gesellschaftlichen Akzeptanz abzuhängen als von persönlichen Erfahrungen. So zeigte eine Studie in Schweden, wo die Scheidungsquote und damit die Anzahl der Scheidungskinder vergleichsweise hoch liegt, keinerlei Zusammenhänge zwischen den Einstellungen zur Heirat/Scheidung und dem Aufwachsen in einem intakten oder geschiedenen Elternhaus.

Je häufiger Scheidungen vorkommen in einer Gesellschaft, desto weniger Effekte haben diese also scheinbar auf die Einstellungen zu langfristigen, stabilen Beziehungen.

Allerdings sind Scheidungskinder durchaus skeptischer eingestellt, was die Erfolgschancen ihrer Beziehungen angeht. So sehen Kinder, deren Eltern sich geschieden haben, auch für die eigene Ehe ein höheres Scheidungsrisiko als der Durchschnitt der anderen Kinder. Scheidungskinder im jungen Erwachsenenalter glauben auch weniger daran, dass sie überhaupt jemals heiraten, selbst wenn sie grundsätzlich heiraten wollen. Dazu wünschen sich Scheidungskinder auch im Durchschnitt weniger Kinder, wobei dieser Zusammenhang zu verschwinden scheint in Fällen, in denen die Eltern nach der Scheidung wieder heiraten.

Problematisch kann auch das Vertrauen sein unter Scheidungskindern. Kinder aus geschiedenen Familien haben später im Leben generell weniger Vertrauen in ihre Mitmenschen. Das betrifft auch spätere Liebespartner im Leben. Der Effekt ist besonders stark ausgeprägt unter Mädchen, deren Eltern sich scheiden ließen. So zeigen Studien, dass diese Frauen in ihren Beziehungen ihren Partnern weniger Vertrauen schenken und allgemein unzufriedener sind mit ihrem Privatleben. Ungeachtet vom Geschlecht der Scheidungskinder leiden diese durchschnittlich auch öfter an Angst vor Zurückweisung und Ablehnung durch Mitmenschen. Dies macht die Entstehung von Beziehungen von Anfang an schwieriger.

Auf der anderen Seite sind Scheidungskinder offener für lose, kurzfristige Beziehungen, die in erster Linie sexueller Natur sind.

Sie verlieren ihre Jungfräulichkeit früher und haben im Durchschnitt zwei bis drei Mal mehr Sexpartner als Kinder aus intakten Elternhäusern. Allerdings scheint dabei vieles von der Beziehung mit dem Vater abhängen. So sind auch Kinder, dabei v.a. Mädchen, von nicht-geschiedenen Eltern sexuell aktiver wenn das Verhältnis zum eigenen Vater in irgendeiner Weise gestört ist bzw. war. Die meisten Studien zum Thema gehen davon aus, dass Mädchen aus Scheidungsfamilien einerseits mehr Skepsis gegenüber der Ehe aufbringen, andererseits aber später unabhängiger und selbstbewusster durchs Leben gehen als Frauen, deren Eltern sich nicht scheiden ließen. Zwar sind weibliche Scheidungskinder weniger stark an langfristigen Liebesbeziehungen bzw. der Ehe interessiert, doch kompensieren sie dies beispielsweise durch enge Freundschaftsbeziehungen. Dieser Zusammenhang lässt sich für männliche Scheidungskinder nicht feststellen.

Männer aus Scheidungsfamilien scheinen deutlich größere Probleme offenherzige Beziehungen mit Mitmenschen einzugehen. In Liebesbeziehungen wollen sie oft den dominanten Beschützer spielen. Kooperationsbereitschaft und die Fähigkeit Gefühle offen zu zeigen sind bei ihnen weitaus kleiner ausgeprägt als bei Männern aus intaktem Elternhaus. Studien zeigen bei ihnen auch ein erhöhtes Gewaltpotential gegenüber Liebespartnern im Vergleich zu Männern, deren Eltern verheiratet blieben. 

Was geschiedene Eltern tun können

Wie Scheidungskinder eine Scheidung erleben, hängt nicht zuletzt auch von dem Alter des Kindes ab, in welchem es die Scheidung erlebt hat. So gehen Sozialforscher davon aus, dass v.a. Kinder unter neun Jahren alt unter Scheidungen leiden. Sie geben sich oftmals selbst die Schuld an der Scheidung der Eltern und versuchen verzweifelt die Beziehung zu retten. Sie benötigen daraufhin auch mehr Zuneigung und familiäre Wärme. Diese Scheidungskinder tendieren dazu, in der Folge weniger selbstständig zu agieren und sehnen sich nach ständiger Anerkennung durch die Eltern. Im späteren Erwachsenenleben kann sie das mitunter anfällig für Ängste vor Zurückweisungen sowie ein gestörtes Vertrauensverhältnis zu Mitmenschen machen.

Für die geschiedenen Eltern ist es deshalb wichtig, ihren Kindern so gut es geht klarzumachen, dass sie nicht der Grund für die Scheidung sind.

Die Kinder sollten sich weiterhin uneingeschränkt und bedingungslos geliebt fühlen. Dabei sollte für die weitere Entwicklung des Kindes aber auch nicht übertrieben werden. Eltern sollten auch weiterhin eine gewisse Selbstständigkeit des Kindes fördern und es nicht zu sehr an das Elternhaus binden. Vor allem bei männlichen Scheidungskindern, die vordergründig von ihren Müttern aufgezogen werden, kann dadurch ein sogenannter „positiver Mutterkomplex“ (auch als „Muttersöhnchen-Komplex“ bekannt) entstehen. Hierdurch kann eine Abkapselung von der Mutter im Erwachsenenalter schwerer fallen, was zu Problemen in den eigenen Liebesbeziehungen führt.

Kinder über neun Jahre und junge Teenager scheinen dagegen gegensätzlich auf Scheidungen ihrer Eltern zu reagieren. Sie tendieren eher zu Wut und Unverständnis, gerichtet an beide oder einen Elternteil, den sie evtl. für die Scheidung verantwortlich machen. Sie fühlen sich auch ein Stück weit betrogen von den Eltern und entwickeln daraufhin eine ausgeprägte Selbstständigkeit. Im Erwachsenenalter kann dies dann zu generell weniger Interesse an langfristigen Beziehungen führen.

Beziehungsunfähigkeit ist nicht vererbbar

Statistiken aus den USA zeigen, dass das eigene Scheidungsrisiko für Scheidungskinder rund 38 Prozent höher liegt als für Personen aus intaktem Haushalt. Dazu sollte gesagt werden, dass das Scheidungsrisiko nicht steigt für Kinder, die einen Elternteil durch den Tod verloren haben. Somit scheint die Scheidung für Kinder selber in der Tat eine wichtige Rolle zu spielen in der späteren Beziehungsfähigkeit. Allerdings muss eine höhere Scheidungsquote nicht zwangsläufig gleichbedeutend sein mit einer grundlegenden Unfähigkeit zu Beziehungen.

So sind Frauen aus geschiedenen Familien deutlich anfälliger für Scheidungen als männliche Scheidungskinder. Wie bereits erwähnt, hängt dies gerade bei Frauen aber nicht unbedingt mit einer emotionalen Unfähigkeit in Beziehungen zusammen, sondern kann einfach aus einem selbstbewussten Streben nach Unabhängigkeit resultieren. Auch bei männlichen Scheidungskindern muss nicht zwangsläufig die erlebte Scheidung der Eltern selbst der Grund für mögliche Probleme in Beziehungen sein, sondern beispielsweise einer fehlenden Vaterfigur bzw. einem gestörten Verhältnis zum Vater geschuldet sein, ein Umstand der auch in einem intakten Haushalt möglich ist. Darüber hinaus gibt es noch zahlreiche weitere Faktoren, die Probleme in Beziehungen erklären können. So spielen auch das Einkommen, der Bildungsgrad, die Familiengröße, kulturelle Aspekte, mögliche Traumas aus der Vergangenheit und nicht zuletzt auch individuelle charakterliche Eigenschaften eine Rolle für die Beziehungsfähigkeit einer einzelnen Person. Letztlich ist die Beziehungsfähigkeit bzw.

Beziehungsunfähigkeit, da sind sich Sozialwissenschaftler weitestgehend einig, ist nicht vererbbar.

Vielmehr spielt das soziale Umfeld, in dem ein Kind aufwächst, eine Rolle in der emotionalen Entwicklung der jeweiligen Person. Dabei kann eine erlebte Scheidung sich zwar als äußerst prägend erweisen, muss sie aber nicht zwingend. Wie einschneidend das Erlebnis ist für ein Kind, hängt also auch, aber nicht nur von den Eltern ab und wie sie die Scheidung abwickeln. Ebenso sind eventuelle emotionale Narben nicht gänzlich unheilbar. So kann z.B. auch im Erwachsenenalter noch Vertrauen gelernt werden. Grundsätzlich können Scheidungskinder also genauso beziehungsfähig sein wie Menschen, die aus intakten Familien stammen. Auch das belegen die Forschungen auf diesem Gebiet, eine von Generation zu Generation weitergegebene Unfähigkeit in Beziehungen gibt es nicht.

Diese Tatsache greift auch die isländische Autorin Jónína Leósdóttir in ihrer Komödie Meine Familie und andere Katastrophen auf:

Am Tag seines sechzigsten Geburtstags verkündet Ragnar die Scheidung von seiner langjährigen Ehefrau. Nach anfänglichem Ärger, sieht auch die Ehefrau ein, dass die Scheidung Sinn macht, da das Ehepaar sich in den letzten Jahren stark auseinander gelebt hatte. Somit sind sowohl Mann als auch Frau zufrieden und glücklich mit der anstehenden Scheidung. Eigentlich eine klare Sache, wäre da nicht die gemeinsame Tochter der beiden. Denn diese kommt als einzige überhaupt nicht klar mit der Scheidung ihrer Eltern. Sie will die Scheidung der Eltern nicht akzeptieren und setzt alles daran, die Beziehung zu retten. Doch dabei erkennt sie lange nicht, dass sie so ihrem eigenen Liebesglück im Weg steht.  

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