Die Welt von feelings - emotional eBooks
Frau liest in gemütlichen Socken ein Buch und trinkt Tee
Große Gefühle

LoveLess – Eine winterliche Kurzgeschichte aus Mary’s Yard

Exklusiv für die feelingsladys: Eine romantische Kurzgeschichte von Beatrice Jacoby! Pünktlich zur Veröffentlichung ihres neuen Romans "ColourLess – Lilien im Meer" hat die Autorin eine winterliche Kurzgeschichte für Euch geschrieben, die nur im feelings-Magazin zu lesen ist!

Es war zwei Wochen vor Weihnachten, doch draußen vor dem hohen Fenster deutete kaum etwas darauf hin. Statt kleinen Glühbirnen und üppigen Blüten zierten Girlanden mit Glaskristallkugeln die Rosenbüsche und reflektierten das Licht, das die Straßenlaterne auf der anderen Seite der Hecke spendete. Die sternenlose Nacht erinnerte eher an einen etwas zu kalten Herbst. Hinter den hohen Fenstern jedoch hingen antike bemalte Weihnachtskugeln neben Strohsternen im Raum verteilt. Zusammen mit dem Duft noch warmer Plätzchen verbreiteten sie eine gemütliche Atmosphäre.

Es war der perfekte nasskalte Abend, um sich mit selbstgestrickten Wollsocken und einem Jahresvorrat an Tee im Bett einzurollen. Nur dass die Decke über meinen Beinen nicht meine Bettdecke war und die großzügige Lesenische im Erker dieses Kaminzimmers nicht Teil meines Zuhauses. Andererseits irgendwie doch.

Denn momentan verbrachte ich mehr Zeit hier, bei einem alten Freund und Arbeitskollegen meiner Mutter, als daheim. Meine Eltern schoben gerade beide Überstunden, um das Dinner an Heiligabend zu finanzieren, ohne anschließend bis Mitte Februar von Kartoffeln und Quark leben zu müssen. Natürlich war das nicht der offizielle Grund, warum ich langsam das Gefühl hatte, bei unseren Nachbarn zu wohnen. Die Blöße, laut auszusprechen, dass uns die Feiertage in Unkosten stürzten, gab sich niemand in meiner kleinen Heimatstadt. Nicht einmal vor alten Freunden. Daher schoben meine Eltern die Überstunden auf eine Grippewelle und den Ausfall vieler Kollegen, den sie kompensieren mussten.

Warum wir so einen Wirbel um Weihnachten machten, verstand ich nicht, aber zu fragen traute ich mich auch nicht, weil ich nicht respektlos der Mühe gegenüber sein wollte, die meine Eltern dafür auf sich nahmen. Aber seltsam fand ich es trotzdem.

Weihnachten, auch wenn es seine religiöse Bedeutung schon vor Jahrzehnten Schritt für Schritt eingebüßt hatte, feierten wir hier als Winterfest. Doch früher, hatte ich mal eine Klassenkameradin munkeln hören, nannte man es auch „Das Fest der Liebe“.

Das aussterbende Wort hörte sich komisch an, als es in meinen Gedanken wiederhallte. Ein Ammenmärchen, nichts als Geschichten wie die vom Weihnachtsmann oder dem Klabautermann. Opium für schwache Geister, das erklärte man uns hier in Mary’s Yard früh. Keiner, der bei Trost war, glaubte noch an so einen Unsinn.

Dennoch dachte ich an diesem Abend darüber nach – und schuld daran war Flynt, der Sohn meiner Gastgeber.

Mit einem schelmischen Grinsen auf seinen blass-gefrorenen Lippen schlenderte er in das Kaminzimmer. Sein Markenzeichen, mit dem er sämtliche Verwandte um den Finger wickelte. Aber nicht mich.

„So gute Laune bei so miesem Wetter?“

„Wo käme ich hin, wenn ich jedes Mal weinen würde, wenn der Himmel es tut?“

Er machte sich nicht die Mühe, seine nassen Schuhe am Eingang auszuziehen, sondern übersäte das Parkett bis zum Kamin mit Wasserflecken. Dort stellte er sie zum Trocknen ab. Doch weil auch seine Socken durchnässt waren, hinterließ er weitere Spuren. Es schien ihn nicht zu kümmern.

„Wenn deine Mutter das sieht ...“

„Sag ich ihr, du warst das“, lachte er.

Na gut, dieses eine Mal schmunzelte ich mit. Aber nicht, ohne mit den Augen zu rollen. Flynt war schon Student und ein paar Jahre älter als ich, doch eigentlich nur auf dem Papier. Wir wussten es beide, aber ihn schien auch das nicht zu stören. Flynt kümmerte ohnehin auffällig wenig für jemanden aus einer Stadt, in der jeder in alle Kleinigkeiten im Leben anderer involviert war, allein schon um am allgemeinen Klatsch teilhaben zu können. Aber ich hatte ihn trotzdem gern. Wie das eben ist bei Geschwistern – selbst bei denen im Geiste. So oft wie ich hier geparkt wurde, hätte ich ihn nicht anders sehen können. Auch wenn ich ihn trotz vermehrter Besuche in seinem Elternhaus immer seltener zu Gesicht bekam.

„Ich muss gleich wieder los“, gestand er, nicht ohne sich eines der Butterplätzchen vom Teller auf meinem Schoß zu stibitzen. Bereits in der Mitte des Satzes hatte er es halb verschlungen. Die Brösel in Flynts Mund verzerrten seine Worte zu einem Mampfen.

„Triffst du dich wieder mit ihr?“

„Sag das nicht so, als würde ich eine Prostituierte vom Hafen treffen.“

Ich hätte nicht die Augenbraue hochziehen sollen, nicht mal als Scherz. Nun funkelte mich Flynt tadelnd an. Auf sie ließ er nichts kommen.

„Natürlich nicht“, murmelte ich in ein Plätzchen hinein und wich seinem Blick aus. Seine beste Freundin, Kalla, vereinnahmte ihn so sehr, dass ich etwas eifersüchtig war, weil ich hier nichts tun konnte außer am Fenster zu sitzen und hinauszustarren. Das Haus dieser Leute war traumhaft schön, aber auch ebenso fad. Dass ich aus Langeweile und Neid schlecht über Kalla redete, ohne sie zu kennen, hatte sie sicher nicht verdient. Mir schoss das Blut in die Wangen vor Scham über mein kindisches Verhalten, darum vergrub ich mich tiefer in die Wolldecken.

Wie immer verflog Flynts Wut schneller als sie gekommen war. Er lächelte mich bereits beim nächsten Satz wieder an.

„Ich sehe Kalla nur kurz, nicht dass ich dir Rechenschaft schuldig bin. Danach muss ich noch für eine dämliche Hausarbeit recherchieren.“ Er streckte wie angeekelt die Zunge heraus. Als ich reserviert blieb, stupste er mich an der Schulter an. „Elice Montgomery, jetzt stell dich nicht so an, ich bin ja nicht aus der Welt ... Hey, ich hab was für dich“, sagte er und begann, in seiner Tasche zu kramen. „Für die Zwischenzeit.“

„So?“

„Na ja, also wenn ich ehrlich bin, ist es ein Weihnachtsgeschenk für Kalla, aber sie hat sicher nichts dagegen, wenn du es vorher liest.“

Es, das war ein ziemlich mitgenommenes Buch, das er mir mit seinem Markenzeichen-Grinsen überreichte.

Ich zog lediglich eine Augenbraue hoch, bevor ich erst ihn und dann das Buch in meinen Händen mit einem argwöhnischen Blick bedachte. Der Stoffeinband fühlte sich rau und alt an. An einigen Stellen war er ramponiert, eine Ecken war wohl von einem Nagetier angeknabbert worden und ich traute dem Leim, der die Seiten in der Kladde hielt, nicht mehr. Trotzdem sah mich Flynt an, als enthülle er gerade den geheimen Plan eines monatelang ausgetüftelten Streiches.

„Was ist das?“

„Ein Liebesroman“, wisperte er verschwörerisch.

Harsch sog ich Luft ein. Wie aus Reflex schob ich das Buch von mir weg, presste es förmlich wieder in die Hände.

Nein, mit so etwas wollte ich nichts zu tun haben! Ein Roman über Liebe?! Das konnte er nur in irgendwelchen dunklen Gassen am Hafen gegen wer weiß was getauscht haben. Nichts als Verwirrung und Zerstreuung für schwache Leute, schallten in meinem Kopf die Worte wieder, die ich bereits zigmal gehört hatte. Nur Märchen, um die Menschen abzulenken und zu beschäftigen. Wir in Mary’s Yard wussten es besser.

Und trotzdem – nie in meinem Leben hatte ich mich so aufgeregt gefühlt wie jetzt. Es reizte mich, etwas Verbotenes nur einen Hauch von meinen Fingerspitzen entfernt zu wissen.

„Du glaubst doch nicht an sowas, oder?!“, zischte ich Flynt zu.

Wir waren allein, aber in Anwesenheit des verrufenen Buches traute ich mich nicht, lauter zu sprechen. Niemand, nicht einmal die, die noch an den Mythos Liebe glaubten, lasen solche Bücher in der Öffentlichkeit. Außer man wollte schief angeschaut und zukünftig gemieden werden. Wenn meine Eltern gewusst hätten, dass ich auch nur den Titel eines die Liebe verherrlichenden Romans gelesen hatte, wäre Hausarrest die geringste Strafe gewesen.

Wenn Flynts Eltern wüssten ...

„Nur weil ich nicht dran glaube, muss es ja nicht unbedingt falsch sein“, räumte Flynt mit einem halbherzigen Achselzucken ein. „Mach dir doch selbst ein Bild.“

Ob diese Kalla daran glaubte? Warum sonst sollte er ihr so ein Buch besorgen? Ihn schien jedenfalls nicht der Inhalt, sondern allein das Verbotene daran zu reizen, was mich auf eine gewisse Art und Weise beruhigte. Das verschwörerische Glitzern in seinen Augen funkelte heller als die Glaskristalle in den Rosenbüschen draußen. Ich knabberte an meiner Unterlippe, während ich mit mir haderte. Doch widerstehen konnte ich am Ende nicht.

Behutsam, als könnte ich mit zu schnellen Bewegungen irgendeinen imaginären Alarm auslösen, nahm ich das Buch wieder an mich.

Flynt legte seinen Zeigefinger an seine Lippen und ich spiegelte seine Bewegung. Das war unser erstes richtig wichtiges Geheimnis. Noch bevor er ordentlich zur Tür heraus war, schlug ich den Buchdeckel auf und begann zu lesen.

Nein, die Zeilen förmlich in mich aufzusaugen.

Die Geschichte spielte zur Weihnachtszeit vor vielen Jahrzehnten und nahm den Begriff „Fest der Liebe“ wörtlich. Es ging um kaum etwas anderes als eine vermeintlich unerfüllte Liebe und wieder aufkeimende Emotionen, heraufbeschworen durch die unfreiwillige Nähe während der Feiertage. Jede Seite strotzte vor Kitsch und Begriffen, die ich nicht verstand, aber deren Fremdartigkeit mich in eine andere Welt entführte. Mit Speisen, die es hier nicht gab, und irrwitzigen gesellschaftlichen Konventionen, die ich nicht kannte.

Konnte der Autor das alles ernst meinen oder war es doch Satire?

Zum ersten Mal las ich ein Werk, dessen romantische Abschnitte nicht so interpretiert werden mussten, dass Liebe und Leidenschaft ins Unglück führten. Wo blieb die finale Katastrophe? Die Pointe, was für negative Konsequenzen beides mit sich zog? Obwohl ich wusste, was ich da las, wartete ich instinktiv auf die tragische Wendung, die mir bestätigte: Ohne diese irreführende Fantasie der Romantik ging es uns besser.

Dennoch schaffte es der Autor für die Zeit des Lesens, mich in seine Realität zu entführen und mich zu berühren.

Bis ich Stimmen im Flur hörte, sah ich nicht auf. Eigentlich nahm ich nichts mehr wahr bis dahin – ich las nicht, ich versank in den Zeilen. Vor meinen Augen waren keine Buchstaben, keine Plätzchen, die ich trotzdem vor Aufregung in mich hineinstopfte.

Doch sobald ich Flynt und seinen Vater hörte, schlug ich die Stoff-Kladde zu. Wenn der Hausherr mich damit fand, würde er es umgehend meinen Eltern sagen!

Hastig steckte ich das Buch unter die Wolldecke und blickte betont gelangweilt aus dem Fenster. Mir war so heiß als läge glühende Kohle auf meinen Schenkeln, keine Seiten aus Papier. Hoffentlich roch niemand den Rauch ...

Doch Flynt und sein Vater nahmen nicht einmal Notiz von mir, so sehr waren sie in ihren Streit vertieft. Sie standen vor der offenen Flügeltür des Kaminzimmers. Der ältere Herr sichtlich am Rande seiner Beherrschungskraft, die Hände zu Fäusten geballt, aber streng die Arme an die Seite gepresst statt auszuholen. Sein Sohn plakativ desinteressiert daran, dieses Gespräch zu führen, mit den Händen in den Hosentaschen.

„Du bringst dieses Studium zu Ende, haben wir uns verstanden, junger Mann? Du nimmst das endlich ernst, statt dich mit dieser Hafendirne rumzutreiben. Das ist mein letztes Wort!“

„Ich breche nach diesem Semester ab – das ist mein letztes Wort.“

Wir wussten alle, dass er es nicht tun würde. Flynt hasste das Meeresbiologiestudium, zu dem ihn die Familientradition zwang. Er fürchtete sich mehr vor Fischen, als sich vor ihnen zu ekeln, und ekelte sich mehr vor den restlichen Meeresbewohnern als ein Grundschuljunge vor Mädchen. Doch trotz dieser Phobie blieb ihm keine Wahl. Er war ein Rebell, aber hatte ein weiches Herz. Er würde es nicht über sich bringen, das seiner Mutter zu brechen. Außerdem widersetzte man sich in Mary’s Yard nicht den Traditionen! Niemals.

„Aber ich bin es mir selbst schuldig“, hatte er mal gesagt und dabei geseufzt „wenigstens zu protestieren.“

Also protestierte er. Lauthals und ständig. Und sein Vater ging mit gleicher Wucht dagegen. Das einzige, das die beiden gemeinsam zu haben schienen, war die Intensität, mit der sie in einen Streit gingen, und ihre Vorliebe für Flaschenschiffe.

Zeugin dieser persönlichen Auseinandersetzung zu werden, verursachte ein unangenehmes Kribbeln unter meiner Haut. Ich wusste nicht, wohin ich sehen oder was ich mit mir anfangen sollte.

War es schon zu spät, um sich zu räuspern?

Sollte ich so tun, als schliefe ich?

Wie Flynt sich in seinem Schicksal und unter den Worten seines Vaters wand ließ das Mitgefühl in mir überkochen. Ehe ich mich selbst aufhalten konnte, stellte ich die Plätzchen beiseite und sprang ich auf. Vor Fremden würde sein Vater ihn niemals anschreien und riskieren, sein Gesicht zu verlieren.

Hätte ich doch nur eine Sekunde länger nachgedacht.

Kaum stand ich, ließ ein dumpfes Poltern mein Herz förmlich aus der Brust springen. Zusammen mit der Decke hatte ich auch das Buch heruntergeworfen.

Mit weit aufgerissenen Augen sahen mich die beiden Männer an. Für einen Moment gab nur das Holz im Kamin einen Laut von sich. Das und mein sich beschleunigender Atem erfüllten die Luft.

„Was ist das?!“, wollte der Hausherr wissen, als er meine nervöse Reaktion bemerkte.

Bevor ich erschrocken von dem Liebesroman wegspringen konnte, hob der er ihn bereits auf. Wie zu einer Eisskulptur erstarrt, die vor Nervosität innerlich zu verbrennen schien, sah ich zu wie er das Buch drehte und wendete. Wie sich seine Miene dabei sekündlich verdüsterte.

„Was hat dieser Schund im meinem Haus verloren, Elice Montgomery?“

Ich war geliefert ... wäre Flynt nicht gewesen!

„Das ist nicht ihres! Sie kann nichts dafür.“

Flynt zog seinen Vater an der Schulter, um sich Gehör zu verschaffen. Dabei vergaß er nicht mir einen Blick zuzuwerfen, der versprach, mich zu beschützen. Mir stiegen die Tränen in die Augen. Nicht vor Trauer oder Wut. Nicht hauptsächlich. Sondern schlichtweg aus Überforderung.

Feige wie ich war schwieg ich, während Flynt für mich den Kopf hinhielt.

„Sie hat es für mich versteckt, ich habe ihr das förmlich aufgezwungen. Papa, du kennst mich und du kennst sie. Sie hätte doch niemals sowas angeschleppt, woher sollte sie es haben?“

Für einen Augenblick fürchtete ich, der Hausherr würde seinen Sohn durchschauen. Flynt flunkerte zu oft. Doch offenbar half mein junges, unschuldiges Gesicht. Mir zumindest. Über das Buch wurde dagegen das Todesurteil gesprochen.

Ich wollte aufschreien, als der Hausherr auf den Kamin zu ging und ich begriff, was er vorhatte. Wollte an seiner Tweed-Jacke zerren und ihm das Buch aus den Händen reißen, um es zu retten. Mein Freund schien es zu merken und setzte an, mich festzuhalten.

Die Glut loderte gierig auf, als der Schundroman hinein geschleudert wurde. Ich konnte nicht dabei zusehen, wie sich die Flammen allmählich durch die Kladde fraßen. Wie die Seiten Feuer fingen, die mir die letzten Stunden versüßt und mir den Kopf verdreht hatten – und die, die ich jetzt niemals lesen würde. Die Vorstellung und der Geruch des brennenden Papieres genügten, dass sich etwas in meiner Brust zusammenzog. Es war nur ein Buch! Die Personen darin waren nicht echt und verbrannten nicht wirklich im Kamin des Mannes, der seine Wut geräuschvoll aus der Nase blies, bevor er seine Krawatte richtete und ging.

Trotzdem fühlte ich mich hundeelend. Immerhin war mir diese Geschichte irgendwie ans Herz gewachsen. Er war doch Flynts und mein kleines Geheimnis.

Kaum war sein Vater weg, versuchte Flynt, das Buch aus dem Kamin zu retten – wahrscheinlich mehr für seine Kalla als für mich. Für einen Augenblick traute ich mich zu hoffen, doch ein Blick auf die Überreste des Buches genügten um zu wissen: es war nicht mehr zu retten.

Plötzlich war mir nach Weinen zu mute. Und das alles nur wegen dieser Kitschliteratur.

„Tut mir leid …“, murmelte Flynt, als er die Buchüberreste ausklopfte.

„Mir sollte es leidtun, jetzt hast du kein Weihnachtsgeschenk für Kalla mehr.“

„Es bleiben ja noch zwei Wochen, um etwas Anderes zu finden“, sagte er, obwohl wir beide wussten, wie schwer es in dieser Stadt war, an solche Bücher zu kommen. „Aber ich hätte daran denken müssen, dass es riskant für dich war, dir das Buch hier zu geben.“

„Ist schon okay."

Da fiel mir auf, dass doch ein Fünkchen Wahrheit darin steckte. Denn auch wenn das Buch größtenteils verbrannt war – die Erinnerung daran konnte mir keiner mehr nehmen. Dass sie meinen Blick für jedes Detail der anstehenden Feiertage schärfte und verwandelte, daran änderte nichts etwas.

Ich sah zum Fenster, weil der Anblick der zerstörten Geschichte wehtat. Draußen begannen die ersten ordentlichen Schneeflocken des Jahres zu fallen und ihre ganz eigene besinnliche Magie zu verströmen. Sie erinnerten mich an zwei meiner Lieblingsszenen aus dem Buch und mit ihnen schlich sich eine Idee vom wolkenüberzogenen Himmel zu mir herab. Dieses Weihnachten würde ich mit anderen Augen sehen, das war nicht mehr zu verhindern.

Trotzdem verfolgte mich die Frage, was wohl aus den Liebenden in dem verbrannten Roman geworden war, bis zum ersten Weihnachtsfeiertag. In unserer Straße gingen alle nach draußen, um sich zu grüßen und gemeinsam heißen Punsch zu trinken. So machten wir es in der Nachbarschaft jedes Jahr. Hauptsächlich ging es dabei um das sehen und gesehen werden, aber diesmal handelten meine Tagträume davon, wie sich dieser Tag wohl im Buch abgespielt hätte, statt auf die Festtagskleidung der anderen zu achten. Ich verschränkte die Arme vor der Brust, um mich tiefer in meine Daunenjacke zu kuscheln, und hielt meinen fischförmigen Becher Punsch in der behandschuhten Hand, als Flynt die Straße heruntergejoggt kam. So eine Eile sah ihm kaum ähnlich. Das Grinsen von einem Ohr zum anderen umso mehr. Er absolvierte den Spießrutenlauf, den das Treffen seiner versammelten Verwandtschaft beinhaltete, in Rekordzeit und kam so schnell es ging zu mir.

„Was ist los?“

Doch statt zu antworten drückte er mir bloß einen mit einer glitzernden Schleife geschlossenen Brief in die Hand.

„Frohe Weihnachten“, sagte Flynt. „Von Kalla und von mir.“

Als ich den Brief der Fremden vom Hafen öffnete, stieß ich vor Verwunderung eine dichte weiße Atemwolke aus.

Kalla hatte das zerstörte Buch bereits gelesen. Tatsächlich hatte sie es sogar Flynts Quelle überhaupt geliefert, wovon er sicher nichts geahnt hatte. Und jetzt teilte sie das Ende mit mir.

Mir wurde warm ums Herz, als ich las, dass die Romanfiguren doch noch zu einander gefunden hatten. So sehr ich mich auch über mich selbst wunderte, insgeheim hatte ich darauf gehofft, ein Gegenbeispiel für meine Überzeugungen zu bekommen. Ein Fünkchen Magie, ein Stückchen Hoffnung.

Damals glaubte ich, dass ich an diesem Abend eine große Veränderung durchgemacht hatte. Aber es war nichts im Vergleich zu den Umbrüchen, die unserer Stadt im nächsten Jahr bevorstehen würden. Nicht zuletzt wegen Flynts Hafenmädchen, Kalla.

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