Große Gefühle

Bin ich beziehungsunfähig?

Du stellst Dir immer wieder die eine Frage: Bin ich beziehungsunfähig? Deine letzten Beziehungen gingen schneller in die Brüche, als Dir lieb war und irgendwie scheint Dein Glück in der Liebe immer nur von kurzer Dauer zu sein? Dann leidest Du vielleicht unter dem Phänomen der Beziehungsunfähigkeit, das heutzutage verbreiteter ist als je zuvor. Oder hast Du vielleicht jemanden kennengelernt, der Dir viel bedeutet, aber von sich selbst behauptet, Angst vor Beziehungen zu haben und beziehungsunfähig zu sein – und Du fragst Dich, was Du mit dieser Situation nun anfangen sollst? Was auch immer Dich an diesem komplexen Thema interessiert, hier erhältst Du einen ausführlichen Einblick in die Irrungen und Wirrungen des Herzens.

Beziehungsunfähigkeit – was genau ist das eigentlich?

Umgangssprachlich geht man mit dem Wort „beziehungsunfähig“ eher locker um. Grundsätzlich wird damit die Neigung eines Menschen gemeint, mit potentiellen Partnern stets unverbindlich zu bleiben und sich auf nicht langfristig auf eine Beziehung festlegen zu wollen. Man scheut sich vor engen Bindungen zu anderen Menschen, kann sich nicht restlos öffnen und hingeben und scheint sogar Angst vor Beziehungen zu haben. Wenn die rosarote Brille und das erste Verliebtsein langsam abflauen und die Gefühle sich zu einer ernsthaften Liebe entwickeln sollten, zieht der Beziehungsunfähige die Reißleine und geht seiner Wege allein.

Laut Psychologen bewegt sich Beziehungsunfähigkeit heute in einem anderen Spannungsfeld als noch vor ein oder zwei Jahrzehnten. Die Gesellschaft ist offener, man lernt schneller neue Leute kennen als früher und die Hemmschwelle, „beziehungsähnliche“ Beziehungen einzugehen, ist niedriger als früher – Stichwort: Freundschaft+. Genauso normal ist es da auch, dass nicht jede dieser Bekanntschaften in einer Beziehung münden kann. Als weitere Faktoren für das häufige Scheitern von Beziehungen wird ein scheinbares Übermaß an Wahlmöglichkeiten genannt sowie ein gewisser Optimierungswahn des eigenen Lebens. Virtuelle Räume suggerieren uns, dass uns die ganze Welt offensteht. Wir haben hunderte „Freunde“ auf Social-Media-Kanälen – Tendenz steigend. Diese Welt der unbegrenzten Möglichkeiten gibt uns das Gefühl, dass es immer noch besser, noch idealer, noch perfekter geht – ganz egal, worum es eigentlich geht. Auch in der Liebe. So geben wir laut Psychologen und Wissenschaft heute schneller auf, wenn wir in der Partnerschaft an Grenzen und Schwierigkeiten stoßen. Wir neigen dazu, zu denken, irgendwo gibt es etwas Besseres, das sich richtiger anfühlt und einfacher ist, etwas, das einfach besser passt. Anstatt Schwierigkeiten gemeinsam zu meistern und zueinander zu stehen, auch wenn die Zeiten gerade nicht rosig sind, geben wir heutzutage eher auf als früher. Suchen den Nächsten. Und den Nächsten.

Und jetzt – bin ich beziehungsunfähig? Wenn Du Dich in diesem Bild wiedererkennst, heißt das noch lange nicht, dass Dein Verhalten pathologisch ist und du beziehungsunfähig bist, ganz im Gegenteil. Es ist eine Erscheinung des Zeitgeists und somit in gewissem Maße normal. Nur weil Du selbst das Gefühl hast, Dich in Sachen Liebe etwas schwer zu tun, heißt das nicht, dass Du niemals wahre Liebe erleben kannst. Manche Psychologen und Paartherapeuten sagen sogar, dass fast jeder, der von sich selbst behauptet, beziehungsunfähig zu sein, sehr wohl tiefe Bindungen aufbauen können – sofern er bereit ist, an sich zu arbeiten. Die pathologischen Fälle hingegen seien nur sehr selten. Denn klar, irgendeine Macke hat jeder. Aber wenn diese Macke uns daran hindert, tiefergehende Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen, dann sollten wir handeln. Doch woran genau erkennt man eigentlich, dass man selbst oder der Gegenüber Probleme mit seiner Bindungsfähigkeit hat?

Bin ich beziehungsunfähig? Typische Anzeichen für Bindungsangst

Wenn Du endlich eine Antwort auf die Frage „Bin ich beziehungsunfähig?“ erhalten möchtest, dann kannst Du Dich an einigen eindeutigen Hinweisen orientieren. Experten haben verschiedene Check-Listen zusammengestellt, anhand derer Du erkennen kannst, ob Du selbst oder Dein Schatz unter Bindungsangst leiden.

 

  • Bei Deiner Partnerwahl geht es Dir in erster Linie um die Selbstbestätigung.
  • Du fühlst Dich jünger, als Du bist und zögerst den nächsten Lebensabschnitt gern heraus.
  • Du weißt, dass eine Beziehung zu führen harte Arbeit ist – und der Aufwand ist es Dir einfach nicht wert.
  • Deine Selbstverwirklichung steht über allem. Da bleibt nicht viel Platz für einen weiteren Menschen.
  • Du bist schon verliebt in Deinen Job und gibst der Karriereleiter den Vorrang vor Partnerschaft und Eheglück.
  • Du hast genaue Vorstellung von Deinem perfekten Partner und hast in der Realität einfach noch niemanden getroffen, der dem gerecht wird.
  • Du neigst zu Fluchtgedanken, wenn Du merkst, dass Du in beziehungsähnlichen Verhältnissen mit jemandem lebst. Jede kleine Streitigkeit stellt dann alles infrage.
  • Wenn Du an alte Beziehungen oder deren Ende denkst, verursacht das negative Gefühle bei Dir, die Du lieber verdrängst. 

Angst vor Beziehungen und Verletzungen: Bin ich beziehungsunfähig, wenn ich alte Verletzungen nicht loslassen kann

Um eine Bindung eingehen zu können, muss man lernen loszulassen. Klingt paradox, findest Du? Im ersten Moment erscheint dieser klassische Therapeutenratschlag vielleicht etwas irritierend, doch in der Regel ist es – unter anderem – alter Ballast, der uns davon abhält, uns voll und ganz auf eine neue Beziehung einzulassen.

Sicher erinnerst Du Dich noch an Deine erste Liebe! Wie unbeschwert Ihr damals wart, wie leicht und unkompliziert alles war und wie schnell Ihr rückhaltloses Vertrauen zueinander gefasst habt? Diese Erinnerungen teilt wohl jeder, wenn er an seine erste Liebe zurückdenkt. Woran das liegt? Ganz einfach: In jungen Jahren bist Du noch ein unbeschriebenes Blatt Papier. Die erste Liebe muss keine Vorbelastungen aushalten – es gibt keine schlecht verheilten Wunden aus alten Beziehungen, keine negativen Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht, keine tiefgehenden Verletzungen, die das eigene Ego erschüttert haben. Deshalb hat es die erste Liebe so leicht. Und weil es in den Beziehungen, die später im Leben folgen, nicht mehr so einfach und unkompliziert geht, neigt man dazu, seine eigene Beziehungsfähigkeit infrage zu stellen. Kann ich mich nicht einlassen? Habe ich Bindungsängste? Habe ich vielleicht ein echtes Problem? Bin ich beziehungsunfähig?

Die Antwort liegt meist im Loslassen. Psychologen sind der Ansicht, dass ein häufiger Grund dafür, dass Beziehungen trotz gegenseitiger Liebe scheitern, darin liegt, dass wir Vergangenes nicht loslassen können. An was genau wir unbewusst festhalten, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Hier findest Du einige Beispiele von Dingen, die wir loslassen müssen, um echte menschliche Nähe zulassen zu können:

  • Gefühle des Verletztseins/Trennungsschmerz, weil der letzte Partner Schluss gemacht hat.
  • Unverarbeitete Vertrauensmissbräuche, beispielsweise weil ein Partner Dich hintergangen hat.
  • Schuldgefühle für Fehler, die Du gemacht hast.
  • Minderwertigkeitsgefühle, fehlendes Selbstvertrauen. 

Alte, unverarbeitete Prägungen wie diese sind in unserem Unterbewusstsein gespeichert und haben großen Einfluss auf unser Denken und Handeln. Kurz gesagt: Sie machen uns unfrei, lassen uns zu Gefangenen unserer eigenen Identität werden. Wenn Du wirklich frei sein und einem wunderbaren Menschen Dein ganzes Herz schenken willst, dann musst Du allen alten Ballast loswerden. Nur so kannst Du Dich voll und ganz öffnen und wahre Liebe erfahren.

Die Sache mit dem Ego: beziehungsunfähig oder nur selbstverliebt?

Immer wieder wird der Ruf laut, dass ein allgemeiner Narzissmus um sich greife. Die Generation Selfie möchte ein Leben führen, das möglichst „instagramable“ ist – vorzeigbar, trendy, hübsch anzusehen, sexy. Während eine übertriebene Fokussierung auf die Optik und Außenwirkung früher als eitel und oberflächlich galt, werden Äußerlichkeiten heute wie eine Religion verehrt. Natürlich lässt das auch das Individuum als Teil der Gesellschaft nicht unberührt. Auch man selbst möchte sein Leben stolz präsentieren können und anerkennende Blicke, Kommentare oder Likes ernten. Und da muss selbstverständlich auch der Partner hineinpassen! Psychologen stellten fest, dass potentielle Partner immer häufiger aufgrund ihrer Außenwirkung gewählt werden. Tut er oder sie etwas für mein Image? Lässt er oder sie mich besser oder schlechter dastehen? Eine Vorliebe für Ästhetik und Schönheit ist das Eine, doch wer seinen Partner in erster Linie dafür benutzt, um sein eigenes Ego aufzuwerten und seine Außendarstellung zu optimieren, der wird die Liebe nicht finden.

Angst vor Beziehungen oder fehlt nur die Balance zwischen Autonomie und Bindung?

Für eine harmonische Beziehung ist eine ausgewogene Mischung zwischen Autonomie, individueller Freiheit und dem angeborenen Wunsch nach Bindung essentiell wichtig. Während Bindung die Fähigkeit zu Kompromissen und Aufrichtigkeit fordert, sucht Autonomie nach individueller Selbstverwirklichung, nach Abgrenzung vom Partner und nach einer eigenständigen Persönlichkeit. Du willst Dich gleichzeitig rückhaltlos fallenlassen und sichergehen, dass Du auch ohne die Beziehung und den Partner noch ein vollständiger Mensch bist. Sich in diesem Spannungsfeld zurechtzufinden, ist ein andauernder Prozess. Grenzen und Freiräume müssen immer wieder neu ausgelotet werden – eine Schwierigkeit, an der Menschen mit Beziehungsangst oft scheitern. Häufig werden erste, größere Probleme sofort als Indiz dafür gedeutet, dass man eben doch nicht zusammenpasst.

In den Falschen verliebt: Was, wenn der Liebste Beziehungsangst hat?

Du machst Dir gar keine Gedanken um Dich selbst, sondern um Deinen Partner? Du hast das Gefühl, dass er sich nicht mit ganzem Herzen auf Dich einlässt? Vielleicht äußert er sogar immer wieder die eigene Bindungsangst und angebliche Beziehungsunfähigkeit. Experten machen in solchen Fällen wenig Hoffnung. Wer sich selbst als beziehungsunfähig bezeichnet, der hat in der Regel wirkliche Probleme damit, sich auf jemanden einzulassen.

Auch wenn es schwerfällt: In diesem Fall solltest Du am besten zügig selbst die Reißleine ziehen, bevor Du stehen gelassen wirst. Eine Ausnahme gibt es jedoch: Wenn Dein Gegenüber aufrichtig seine Gefühle für Dich bekundet und beteuert, dass er sich mit seiner Beziehungsangst auseinandersetzt, Selbsthilfebücher liest und vielleicht sogar einen Therapeuten aufsucht, um das Problem in den Griff zu bekommen – dann besteht definitiv Hoffnung! Denn wie gesagt: Wer ernsthaft an sich arbeiten möchte, der kann seine Bindungsängste überwinden.

Übrigens: Gleich und gleich gesellt sich gern – das gilt auch in diesem Falle. Frauen mit Bindungsangst neigen dazu, sich häufig „in den Falschen zu verlieben“ und ebenfalls beziehungsunfähige Männer anzuziehen. Das sind die vermeintlich „bösen“ Jungs, die Draufgänger, die beim ersten Anzeichen von Nähe gleich das Weite suchen. Bindungsphobiker fallen unbewusst immer wieder in selbstboykottierende Verhaltensmuster zurück, um enge Beziehungen um jeden Preis zu vermeiden. Umso wichtiger ist es, diesen Teufelskreis zu erkennen und zu durchbrechen.

Beziehungsangst oder ist es vielleicht einfach nur schwierig mit der Liebe?

Die Themen Beziehungsunfähigkeit und Beziehungsangst und die dazugehörige Frage „Bin ich beziehungsunfähig“ sind inzwischen so allgegenwärtig, dass man fast glauben könnte, die Liebe sei schlichtweg zum Scheitern verurteilt. Was uns zur einzig logischen Schlussfolgerung führt: So dramatisch kann es gar nicht sein. Vielleicht bist gar nicht Du diejenige, die beziehungsunfähig ist und aus irgendeinem Grund keine enge Bindung eingehen kann. Vielleicht liegt es auch nicht an Deinem momentanen Partner, dass es dieses Mal wohl wieder nicht klappen wird. Vielleicht ist das einfach der Lauf der Liebe.

Viele Paartherapeuten sind sogar Anhänger der These, dass es wahrscheinlicher ist, dass eine Beziehung scheitert, als dass sie Bestand hat. Und auch Wissenschaft und Literatur belegen, dass die romantische Liebe eine Erfindung der Neuzeit und der Wohlstandsgesellschaft ist. Die eine, große, wahre Liebe zu finden, ist etwas ganz Besonderes. Und deshalb passiert es einfach weniger häufig. Und selbst wenn Du sie gefunden hast: Eine langjährige, aufrichtige, wohlwollende und zärtliche Partnerschaft zu führen, ist ein äußerst anspruchsvolles und komplexes Unterfangen – erst recht dann, wenn es dauerhaft erfüllend für beide Seiten sein soll. Liebe ist nichts für Angsthasen, so viel steht fest. Aber wenn die Liebe zueinander und der Wille zu einem gemeinsamen Leben da sind, dann lassen sich Schwierigkeiten überwinden – auch vermeintliche Beziehungsängste, die vielleicht ganz normal sind.

Weniger denken, mehr handeln – genau wie Edi in Mhairu McFarlanes neuestem Roman

Nachdem Edies verlobter Kollege sie kurz vor seiner eigenen Hochzeit küsst und die Braut Wind davon bekommt, muss Edie wohl oder übel zu ihrer Familie nach Nottingham flüchten. Hier erwartet sie jedoch keine ruhige Idylle, sondern ein neurotischer Schauspieler, dessen Biographie sie zwangsweise schreiben soll.

Mit der Frage „Bin ich beziehungsunfähig“ und anderen Tücken des Alltags als moderner Weltbürger setzt sich auch Erfolgsautorin Mhairi McFarlane in ihrem aktuellen Roman auseinander. Auch ihr neuester Streich dreht sich wieder um eine starke, schillernde, wenn auch etwas chaotische Frau, die sich mal recht, mal schlecht durchs Leben kämpft. Job, Männer und der immer wieder klaffende Unterschied zwischen Wunsch und Wirklichkeit werden in „Irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt“ auf gewohnt sympathische, empathische und lustige Weise erzählt, dass man als Leserin gar nicht anders kann, als sich mit der Protagonistin Edie zu verbrüdern – beziehungsweise zu verschwestern. Und wenn man sich ihre Beziehungskarriere anschaut, dann könnte man sie mit Fug und Recht wohl auch als beziehungsunfähig bezeichnen – oder eben einfach als ganz normal.

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