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Roman-Berater

1001 Schuh Blogroman Kapitel 7

Acht Wochen lang präsentieren wir dir ein neues Kapitel des Romans "1001 Schuh" von Coco Meinhard. Hier findest du das siebte Kapitel. 

Kapitel 7

Die Musik spielte zwar noch, aber die Gespräche waren verstummt. Es hätte nicht viel gefehlt, und die versammelten Gäste hätten eine tiefe Verbeugung vor dem ältesten der noch lebenden Designergötter gemacht. Irgendwie musste auch Laura ehrfürchtig werden: Jarl-der-Große war schon international berühmt-berüchtigt gewesen, als Laura nur im berühmt-berüchtigten Sandkasten gespielt hatte.

»Er ist also tatsächlich erschienen«, flüsterte Laura zu Yunus. Ein Omen, dafür brauchte man kein Trendscout zu sein. Was für ein Auftritt.

»Niemand sonst hat Pumas als Entourage«, sagte Yunus leise.

Aber die Raubtiere sahen definitiv anders aus. Laura war froh, dass die Sonnenbrille ihren irritierten Gesichtsausdruck verbarg. Zwei blauschwarz schimmernde Dackel trippelten hinter dem Designer her, die Schnauzen und Nasen hochgereckt, als wüssten sie um ihre wirkliche Bedeutung. An den dünnen Hundehälsen blitzten dicke, diamantbesetzte Lederbänder.

Die beiden Dackel schnuffelten in die Luft und blieben vor dem verhüllten Paradiesbaum stehen. Die ehrfürchtig wartende Gästeschar wich vor ihnen zurück.

»Und jetzt kommen die Monster hinterher?« Oder warum taten alle so gebannt.

»Die Hündchen sind die Pumas.« Yunus flüsterte wie entrückt.

Ach. »Wer hat die denn geschrumpft?« Laura kam sich ein wenig für dumm verkauft vor. Oder verstand sie bloß das Ritual nicht, mit dem der große Meister empfangen werden musste?

Yunus sah sie aus seinen nougatbraunen Augen an, als spräche sie chinesisch. »Die Sultane von Malay-Saang züchten seit 1743 Jahren die Rasse mit den stärksten Stimmbändern. Einen dieser Hunde geschenkt zu bekommen, ist ein außerordentliches Privileg. Außer dem Sultan besitzen nur die Queen und der Tenno einen Puma-Malay-Trondong. Und eben Jarl-der-Große, weil er die Ausstattung des Palasts entworfen hat.«

Wirklich? Laura hätte doch als echter Fan längst davon hören müssen. Vielleicht gab es wirklich noch Geheimnisse, die den Fans verborgen blieben. Jedenfalls war es irritierend, wie die Gäste so weihevoll schwiegen.

Als hätten die beiden Tiere nur auf ein Kommando gewartet, rissen sie die Schnauzen auf. Ein lautes grollendes Fauchen erschütterte den Raum. Zwei, drei Mal. Du meine Güte! Laura musste sich die Ohren zuhalten.

Die Gäste wichen weiter zurück, selbst Cheep Dekstor drückte sich zwischen die Stehtische.

Ein kleiner böser Gedanke beschlich Laura. Sie ließ sich nicht gern veräppeln. Sie hatte sich oft genug bei ihren Event-Veranstaltungen mit Tontechnikern unterhalten. Irgendwas stimmte mit den Hundestimmen nicht. Da war ein klitzekleiner Hall, der von in den glitzernden Halsbändern versteckten Tonverstärkern herrühren konnte. Nur mal so als Vermutung.

»Conga, Tsetse, seid still.«

Die Pumas gehorchten ihrem Meister. Eine große Sonnenbrille dominierte das gebotoxte Gesicht des Achtzigjährigen fast vollständig. Der schlanke Modedesigner überragte mit seinen 1,90 Meter die Gäste. Im engen schwarzen Outfit schritt er in den Raum, die weißen Haare schimmerten wie eine silberne Krone. Er trug abgewetzte Biker-Boots. Majestätisch hob er den Kopf – kein anderes Wort passte. Und das, obwohl der Modedesigner auf die Goldpartikel verzichtet hatte, mit denen er sonst seine weißen Haare zu einem sphärischen Blond puderte. Zumindest tat er das seit seinem letzten Look-Wechsel vor einem Jahr, seitdem er wie ein König aus dem 18. Jahrhundert auftrat.

Seltsamerweise verlieh dieser Auftritt Laura auch das Gefühl, geehrt zu sein wie eine Hofdame bei Marie-Antoinette.

»Er ist wirklich gekommen«, flüsterte Yunus, »zu mir.« Er griff nach Lauras Hand. Wieder floss irgendeine Energie zwischen ihnen hin und her und intensivierte ihre Wahrnehmungen. Sie schmiegte ihre Hand in seine.

»Ich muss die Sitzordnung ändern.« Yunus ließ Laura los. »Er darf auf keinen Fall neben Dawn sitzen.« Er eilte seinem Gast entgegen.

Seine Aufregung sprang auf sie über wie ein heißer Funke. Laura zog sich lieber in die zweite Reihe zurück. Von hier konnte sie besser beobachten, wie Jarl-der-Große auf die neuen Kreationen reagieren und wie es um Yunus’ Chancen stehen würde. Hinter die Scheicha und die altadeligen Ladys, wo das Getuschel wieder anhob.

»Er wäre nicht gekommen, wenn Angelina hätte modeln dürfen … das Gegenteil ist doch richtig, der liebt das Top-Model … meinst du jetzt Jarl-den-Großen oder Benevolci … Wer kann den schon aushalten …«

Laura konnte über die Köpfe hinweg sehen, wie Yunus seinen Gast persönlich zu einem Stuhl geleitete. Sie bewunderte die geometrisch aufgesteppten Lederapplikationen an Jarls schwarzer Jacke. Sie wirkten gleichzeitig so schlicht wie besonders. Sein Ruf als Designpapst war wirklich gerechtfertigt.

»Yakitori hat Angelina schon wieder engagiert … Yunus ist zu gutmütig gewesen … Du meinst seinen Partner …«

Laura hätte die Anspielungen zu gern verstanden, aber sich in die Gespräche drängen und einfach nachfragen konnte sie natürlich nicht. Wahrscheinlich war es besser, wenn sie den kurzen Ausflug in diese Welt voller Paradiesvögel und fashion victims einfach genoss. Sie sollte sich nicht zu viele Fragen stellen.

Jemand hatte in den Reihen Stühle hinzugestellt, wahrscheinlich Fabian, bevor er zum Erzengel Raphael mutiert war. Jarl-der-Große wartete höchst ungern, das war bekannt. Laura hatte Verständnis, mit achtzig hätte sie auch keine Geduld mehr, die fehlte ihr schon jetzt.

»Die Pumas sind vielleicht Tölen … In Hongkong essen sie so welche … Quatsch, Verena lässt sich nicht scheiden … Ich sag dir, fünfhunderttausend …«

Die Modeleute um sie herum folgten Yunus nach seiner einladenden Handbewegung. Alle taten so, als nähmen sie gelangweilt auf den Sitzen Platz, wo Eileen die letzten Namenskärtchen verteilte.

»Verena lässt sich doch scheiden … Ich sag dir, fünfhunderttausend … Für einen Schuh, viel zu billig … Jarl kommt nie umsonst … Diesmal schon …«

Eine leise Gitarrenmelodie wie für ein andalusisches Liebesgedicht umspielte sie alle. Es begann, endlich!

 

Über den verpackten Paradiesbaum glitten Schmetterlinge, Vögel flatterten. Ein paar kleine Elfchen wurden von irgendwoher projiziert und schwirrten dazwischen herum. Die Melodie wechselte, ein leichter Salsarhythmus schuf Energie im Raum. Sie wollte sich völlig der Show überlassen. Wo war denn nur ihr Platz?

aura suchte in der letzten Stuhlreihe ihr Namensschild. Fehlanzeige. In Reihe vier saß die ultra-urban gekleidete Riege aus Mailand. Der Platz des rausgeworfenen Typen blieb natürlich leer. Notfalls könnte sie sich dorthin …

Eileens Blick kreuzte ihren. Ihr Mund formte stumm Reihe eins. Dort gab es nur sechs Plätze. Die Scheicha saß neben der Baroness of Stratminster und richtete ihre Ohrgehänge. Eins weiter neben ihr hatte die Vogue-Chefin Dawn Hedgington Platz genommen. Von der anderen Seite setzte sich gerade eine vornehme Japanerin, angeblich mit dem Kaiserhaus verwandt, neben die schottische Lady Squisham of Vantyre.

Jarl saß schon. Laura wurde heiß. Nur der Platz neben dem Großmeister war noch frei. Josefine hätte keine Sekunde gezögert.

Wenigstens musste Laura niemandem auf die Füße treten. Sie ging einfach an der ovalen Bühne entlang. Tatsächlich lag auf dem letzten freien Platz eine Karte mit ihrem Namen. Laura setzte sich einfach, schlug die Beine übereinander und legte den Kopf leicht nach links. Sie nickte Jarl und der Hedgington zu. »Josefine Kohrs, guten Abend.«

»Ach Gott, auch die noch.« Die Vogue-Chefin strich ihre graue Mähne zurück. »Noch so eine Type.«

»Sie meint mich.« Jarl neigte sich zu Laura. »Nur weil ihr Blättchen nicht vorab hat fotografieren dürfen.«

»Tatsächlich.« Laura ließ beim Sprechen die Silben zwischen Überraschung und Abscheu schweben.

»Egozentriker.« Hedgington schob die blassrosa geschminkten Lippen vor. »Frau Kohrs braucht Sie nicht als Unterstützung, lieber Jarl, sie stapelt schon selber hoch.«

Noch ein tatsächlich war nicht die passende Antwort. Josefine war empfindlich, wenn es um ihre Fähigkeiten als Trendscout ging. Aber auch hart im Austeilen. »Apropos Stapel«, sagte Laura. »Früher lagen bei den Frauen, auf die es ankommt, in den private living rooms die Ausgaben Ihrer Zeitschrift aufgestapelt herum. Jetzt surft Ihre Zielgruppe nur im Netz.«

Die Vogue-Chefin und Jarl wandten beide den Kopf zu ihr.

»Sie sind eine Dilettantin, Frau Kohrs.« Hedgington deutete mit ihrem dünnen Zeigefinger auf sie. Ihre Hand war altersfleckenfrei. »Sie haben vorhergesagt, dass …«

Ein abrupter Lichtwechsel rettete Laura vor einer Antwort. Es wurde dunkel. Es zirpte wie in einem Urwald früh am Morgen, bevor tropischer Regen donnerte. Ins Grollen hinein setzte ein Orchester ein. Die Scheinwerfer erzeugten bei den ersten Harfenklängen die Illusion eines Sonnenaufgangs.

Zu Füßen des verpackten Paradiesbaums lag der scheinbar schlafende Yunus, der in ein einfaches braunes Gewand gehüllt war. Laura konnte es kaum erwarten, bis er seine Augen aufschlug und blitzen ließ.

Erzengel Raphael erschien in einem Blitzlichtgewitter. Der weiße Engelsumhang wehte. In der Hand trug er einen goldenen Apfel, aus dem ein Lichtstrahl fiel. Genau auf das Gesicht von Yunus. Der erwachte und ließ sich von Raphael den Apfel wie Adam von Eva im Paradies reichen.

Yunus roch am Apfel und biss hinein. Woraus auch immer das leuchtende Ding gebacken oder gebastelt war, jedenfalls brach ein starker Lichtstrahl aus ihm heraus. Worte, Sätze, kalligrafischer Text wurden aus dem Apfel immer schneller auf die Baumverhüllung projiziert. Tropische Landschaften, Wüsten, der Himalaja überblendeten einander, bis schließlich die blaue Erde sich im Weltraum drehte. Bevor sich das ganze Bild immer weiter zoomte: auf Europa, auf Berlin, auf den Wedding und schließlich auf Yunus’ Laden.

Ein oranger Blitz mit Donnerschlag setzte einen Zauber frei: Die Papierverpackung des Paradiesbaums fiel nicht etwa einfach zur Seite, sie faltete sich auch nicht auf; sie drehte sich. Erst langsam, dann schneller. Dabei rutschte sie nach unten. Der Stamm war mit weißem Leder überzogen, dem die Struktur einer echten Eichenrinde eingeprägt war.

Laura genoss es, wie ein Kind zu staunen.

Als hätte man den Baum mit einer griechischen Säule gekreuzt, trugen die Äste aus weißem Marmor ein paar grüne Blätter. Laura presste ihre Handflächen aneinander. Die ausladende Krone darüber aber hing voll mit Schuhen!

Plötzlich geriet der Baum in Bewegung. Ein Raunen ging durchs Publikum. Die Äste neigten sich, einer nach dem anderen senkte sich herab. Allerdings so langsam, dass man die Früchte studieren konnte. Laura sog jedes Detail in sich auf.

Ein klassischer Pumps hatte eine orange Sohle zu gelbem Oberleder. Genau in der Farbe und Oberfläche einer Biskuitschnitte mit Orangencreme, dass Laura Lust bekam hineinzubeißen. Yunus spielte aber nicht auf Essen, sondern auf die ewigen roten Sohlen von Louboutin an.

Sommerstiefeletten mit perforiertem Leder in Blumenfarben hatte Yunus eigentlich letzte Saison schon gezeigt. Jetzt aber schmückten Knospen die Schäfte. Eine Blume wuchs dort heraus und ließ sich über die Wade einer Trägerin winden.

»Schon vor einer Ewigkeit schuf man für uns die Sandale«, flüsterte die Stimme des Erzengels, der nun wundersamerweise oben im Baum zu schweben schien. Ein Video, das an die Wand hinter dem Baum projiziert wurde, begleitete die Erzählung. Es zeigte, wie eine antike Römersandale nachgebaut wurde.

Im Mittelalter trug man fast vier Jahrhunderte lang Schnabelschuhe. Vermutlich brachten die Kreuzfahrer diese Schuhe mit extremer Spitze aus Syrien mit.

Auf einem Ast des Paradiesbaums senkten sich drei von Yunus’ Neuinterpretationen dieser Schuhformen herab. Sandalen aus Samt, gardinenartigem Material und Latex.

Laura fühlte, wie ihr Spann juckte. Sie hätte zu gern gewusst, wie diese sich auf dem Fuß anfühlten.

In der Renaissance trug man in England Chopines. Diese Mode kam aus Venedig, wo die Kaufleute sie den Haremsdamen abgeschaut hatten. Stelzenpantoffeln wurden mit bestickten Bändern am Fuß gehalten, man lief auf dekadenten Sockeln, aus Holz oder Kork, die reich geschmückt waren. Shakespeare lässt Hamlet sagen: Madame ist dem Himmel ein Stückchen näher gekommen seit unserem letzten Treffen, gerade um die Höhe einer Chopine.

»Fantastic!«, rief Lady Squisham aus. »My ancestor, Mary Queen of Scots, wore those for her beheading.«

Ein schwarzer Samtschuh mit Goldstickerei an einem Marmorast drehte sich über ihren Köpfen vorbei.

»Der Wiener Kongress tanzte darin«, flüsterte der Erzengel.

Noch mehr Schuhe, flache nun, aus Samt, waren bestickt mit goldenen oder silbernen Ornamenten und führten im Video von ganz allein Tanzschritte aus.

»Und wir tanzen inzwischen mit Tanzsneakers wie dem Zumba-Schuh, der für Zumba-Fitness-Aerobic erfunden wurde.«

Ein Sportsneaker mit wendigem Mittelteil hüpfte in grellen Farben – irgendwie bewegt oder an Fäden gezogen – zu elektrischen Klängen am Ast des Paradiesbaums.

»Style rebel zeigt seine neuesten Kreationen für Menschen der kommenden Zeitalter.«

Der Baum drehte sich und drehte sich. Zwanzig Modelle schwebten auf den weißen Ästen in allen Farben vorbei, darunter Spangenschuhe, Peeptoe-Boots, D’Orsay-Pumps und bunte Wedges.

Laura war wie alle von diesem kreativen Kreisen über ihren Köpfen fasziniert. Sie spürte die Konzentration des Publikums, niemand rutschte auf dem Stuhl herum, keiner tuschelte mit den Nachbarn.

Jarls Mund zuckte. Laura registrierte, dass er zwei Sekunden ein winziges bisschen offen stand.

Dawn Hedgington seufzte kaum hörbar. Aber so wie alle Schuhsammlerinnen vor Blogbildern vor ihren heiß geliebten Traumschuhen seufzen.

Der Baum der Erkenntnis verlangsamte das Tempo. Der Erzengel breitete die Arme aus. »Eternity, l’éternité, die Ewigkeit sei mit euch …«, schmetterte er weihevoll.

Jetzt übertrieben sie es aber ein bisschen. Laura ließ sich aber mitreißen, denn in die Harfenklänge hinein applaudierten alle. Die Italiener sprangen von den Sitzen auf.

Yunus verbeugte sich vor seinen Gästen. Er legte die Hand aufs Herz.

»Wunderbare Objekte«, rief Lady Squisham.

Sie hatte so recht. Die von Yunus neu interpretierte Geschichte der Schuhe war echte Kunst. Wenn Laura allein daran dachte, wie Yunus den flachen Tanzschuh aus dem 19. Jahrhundert modernisiert hatte: Statt Blümchen-Ranken hatte er Logos von Start-up-Firmen aus allen Erdteilen eingestickt.

»Yalla, yalla.« Die Scheicha sank gegen die Rücklehne. Sie wurde sofort von ihren Begleiterinnen aus der Sitzreihe hinter ihr umfächelt.

»Wahre Schuh-Kunst.« Die vornehme Japanerin verneigte sich ein wenig vor Yunus mit einer Anmut, die Laura einen Moment bezauberte.

Der Applaus verebbte langsam. Laura sprang auf. Was sollte sie nur sagen? Fünf-Sterne-Plus klang nach Kreuzfahrtpublikum, aber die Leute um sie herum hatten eigene Jachten. Extraordinaire klang nach versoffenen französischen Journalisten. Cool, echt nach Middle-class-Kids. Lieber frech erfinden. War Josefine nicht von Florida direkt nach China gereist? »In Schanghai heißt so was: Ma han lo tching.« Laura ließ die pseudochinesischen Silben geradezu von ihren Lippen perlen. Einen Tick zu laut, aber die Begeisterung ging mit ihr durch. Alle nickten, als ob sie chinesische Lobeshymnen jeden Tag hörten. Wahrscheinlich hatte Laura in Wirklichkeit von sich gegeben: Gummi Pferd pflastert süßen Strand. Aber das interessierte niemanden.

Sie stand genau vor Dawn Hedgington, die immerhin zweimal in die Hände klatschte.

Jarl-der-Große wandte sich zu Yunus. Eine größere Auszeichnung gab es von Seiner Majestät nicht, seit Jahren lästerten die Bloggerinnen darüber, dass Jarl bei Shows immer noch vor der Schlussmusik demonstrativ aufstand. Missfiel ihm eine, ließ er auch schon mal seine Pumas mittendurch laufen.

Yunus verbeugte sich wieder und nickte Laura zu. »Nun, Style rebel wird im nächsten Jahr die erste Boutique in Hongkong eröffnen, so viel darf ich verraten.« Er winkte kurz Fabian zu.

»Unseren illustren Gästen will ich nicht vorenthalten …«, rief Fabian von oben. Ohne Leiter kletterte er von den Ästen herab, »… was Frau Kohrs uns versprochen hat.«

Es war wie ein Schlag in den Bauch. O Gott. Laura zuckte so zusammen, dass die große Brille verrutschte. Sie nahm sich extra viel Zeit, sie zurechtzurücken. Yunus sah sie erwartungsfroh an und hob die breiten Brauen.

Sie konnte schlecht einfach wegrennen. Also blieb Laura nur cool bleiben übrig. Das hieß: einfach ruhig dastehen und abwarten. Sie schwitzte aus allen Poren. Womit hatte Josefine sich diese Einladung nur erkauft?

Gott sei Dank redete Yunus nach drei Sekunden weiter. »Frau Kohrs ist sozusagen ein lebendes Orakel, das sonst nur im Geheimen spricht.«

»Sie meinen, sie spricht nur nach lukrativen Verträgen …«, ätzte Dawn Hedgington.

Laura hob nur das Kinn ein wenig. Josefine schwor, dass die Analysen ihrer Agentur Futurissimo jeden Euro wert waren und außerdem niemand etwas für ihre Prognosen bezahlen würde, wenn dem nicht so wäre.

»Dann soll uns Ihre Pythia mal verraten, was nächstes Jahr Trend wird.« Die nervöse Tenorstimme Jarls-des-Großen hatte nichts von einem achtzigjährigen, aber vielleicht konnte man inzwischen sogar Stimmbänder liften.

Die Hedgington strich sich die grauen Haare hinter die Ohren und zeigte ihren dicken Diamantohrring. »Frau Kohrs wird hoffentlich wissen, wer Pythia war, obwohl Geschichte ja nicht gerade ihr Fach ist.« Laura hatte keine Ahnung, womit Josefine sich die Hedgington so zur Feindin gemacht hatte. Sie schrieb keine Kritiken und bloggte auch nicht. Ihre Freundin hatte sogar an der Det Kongelige Danske Kunstakademi Kunst- und Designgeschichte studiert.

Sie setzte ein zuckersüßes Lächeln auf. »Trends haben oft Wurzeln, die sehr weit zurückreichen können. Sogar bis zum Orakel von Delphi.«

»Mich interessiert nur die Zukunft«, beschied Seine Majestät Jarl. »Von mir aus auch die der Schuhe.«

»Genau das hat Frau Kohrs Style rebel versprochen. Sie wird uns nun verraten, was an den Füßen der Frauen, auf die es ankommt, nächstes Jahr zu sehen sein wird.«

Laura schluckte. Das war völlig unmöglich, selbst wenn eine Kristallkugel ihr das Innenleben der Schuhschränke von übermorgen gezeigt hätte. Schon ihre Freundinnen aus dem Fan-Internetforum Shoes-for-ever hatten tausendundeinen Geschmack, obwohl nur sechshundertsiebzig User registriert waren. Aber sie musste antworten, irgendwas, sonst würde es unendlich peinlich. Laura konzentrierte sich, stellte sich Josefine unter diesem Baum der Erkenntnis in Yunus’ Schuhparadies vor. Sie würde … Lauras Knie wurden weich. Sie war aber nicht Josefine, die wüsste es. Aus Intuition, Quatsch, aus tausend Beobachtungen rund um den Globus, wo sie zehntausend Frauenfüße gescannt hatte und … Ehrlich gesagt, hatte Laura, sosehr sie ihre Freundin bewunderte, keine Ahnung, wie die das machte.

»Letztes Jahr hat Frau Kohrs hazelnut-honeycream als eine Farbe der Saison ausgerufen. Und was war? Nirgends und nichts davon war zu sehen.« Jetzt ätzte die Baroness of Stratminster.

»Doch«, schoss es aus Laura heraus. Josefine hatte ihr die Kataloge gezeigt. »Es war die Farbe bei den erotischen Dessous-Designern. Jede dritte Frau in Südeuropa hat davon welche gekauft.« Sie hob das Kinn. »Und die Australierinnen.« Oder waren es die Japanerinnen?

Hedgington holte Luft, weil Seine Majestät sich räusperte, aber Yunus war schneller.

»Ma’am, bitte.« Yunus schaltete sein charmantestes Medienlächeln an. »Hören wir doch einfach an, was Frau Kohrs uns heute verraten will.«

Die kleinen grauen Augen der Hedgington bohrten sich in Laura. Jarl-der-Große tat so, als ob ihn ein grünes Baumblatt über seinem Kopf interessiere.

Am schwersten aber lastete der offene Blick von Yunus auf Laura. Er war so glücklich über seine gelungene Preview, dass darin kein Fünkchen Berechnung lag. Er wollte einfach nur wissen, ob er seine Kreativität in die richtigen Bahnen gelenkt hatte. Er brauchte Bestätigung, das spürte sie so stark wie noch nie, damit weiter Wunderwerke entstanden. Schuhe – wie Laura sie selbst so liebte.

Aber in ihrem Kopf tauchte keine einzige Erinnerung auf. Sie sah Josefine vor sich, beim Skypen, beim letzten Caipi in der Soso-Bar in Hamburg, aber es war, als hätte jemand den Ton abgestellt. Kein einziger von Josefines markanten Sätzen stellte sich ein. Laura atmete durch. »Vergesst«, so fing Josefine oft an. Bloß was sollten sie vergessen? Es half nichts. Mochte ihre Freundin ihr vergeben. Laura musste etwas erfinden. Auch wenn es das absolute No-Go für Trendscouts war, die Todsünde schlechthin. Ihr Blick fiel auf den Rücken Fabians im Erzengelkostüm, der von der Seite hinter dem Baum der Erkenntnis einen Wagen hereinrollte, auf dem Päckchen mit dem aufgedruckten Style rebel-Logo gestapelt waren. Vielleicht schirmte seine Engelsaura ja die schlechte Energie ab. Und Yunus, der sie intensiv ansah, wollte, konnte sie auch nicht einfach so enttäuschen. Sie musste erfinden, spontan. Also vielleicht eine Umkehrung der Farben des Logos …

»Vergesst den Trend zu Frühlingsfarben wie im Mid-Century-Möbeldesign und bei Küchen.« Laura flehte zur historischen Pythia durch die Zeitennebel um eine Eingebung, atmete, schwitzte, und dann sah sie wirklich Worte vor sich, wie eingeblendet. »Der Trend geht zu der am längsten vergessenen Farbe, zu Silberlamé mit Rosa, light green oder mit violettem Einschlag. Aber nicht wie bei Original-Zwanzigerjahre-Tanzschuhen, sondern cutting edge Oberflächenfinish mit Hightechgloss oder Perlmuttschimmer …«

Ein spitzes kurzes Lachen schnitt ihr das Wort ab. »Never ever wird jemand so etwas Scheußliches an den Füßen tragen. Zu welcher Art Kleid soll das denn passen?« Hedgington wandte sich schon ab, als wolle sie aufbrechen.

Aber Seiner Majestät stand der Mund offen. »Das ist unmöglich.« Er streckte einen Arm nach Laura aus. »Wer spioniert für Sie?«

Laura knipste ein cooles Lächeln an. »Niemand.« Außer vielleicht Pythia in den Zeitennebeln.

Jarl-der-Große verzog die Lippen, und etwas wie ein väterlich mildes Lächeln erschien unter der schwarzen Sonnenbrille.

»Jarl? Das bist doch nicht wirklich du!« Hedgington zog eine Brille aus ihrer Jackentasche, das Etui war bestimmt echtes Krokoleder. »Niemand hat dich lächeln sehen, seit mindestens fünfundzwanzig Jahren.«

Jarl winkte ab. »Lass mich mit dieser Göttin reden.«

Yunus’ Blick ging zwischen den beiden hin und her, bevor er auf Laura ruhte. Er verstand genauso wenig wie sie, was Jarl meinte. Lauras Herz schlug heftig vor schlechtem Gewissen.

»Ich habe gerade heute Morgen die Entwürfe für meine nächste Frühjahrskollektion abgesegnet. Die Farben, die Anmutung, von der Sie sprechen, finden sich bei mir als wiederentdeckter Chiffon und Hightech-Pelzseide. Genau die Art Schuhe, die Sie vorhersagen, wollte ich dazu suchen.« Jarl-der-Große deutete auf Yunus. »Sie wissen jetzt, was Sie mir entwerfen werden.« Er legte die Hände aneinander. »Sie sind begnadet, Frau Kohrs. Wie machen Sie das bloß?«

Laura konnte nicht richtig glauben, was sie hörte. Aber es hatte nicht die Spur von Spott in seiner Stimme gelegen. Sie dankte stumm der gnädigen Pythia für den Glückstreffer im Meer der fiktiven Wahrheiten. Sie fühlte sich so erleichtert. »Ich schaue nur hin.« Laura zitierte bloß Josefine.

Die baffen Gesichter dieser wichtigen Leute waren einfach nur komisch. Laura bedauerte ehrlich, dass sie keine Fotos machen durfte. Und weil alle immer noch guckten und auf eine Fortsetzung warteten, ging es ein bisschen mit ihr durch. »Ich habe extrem streetige Trendsetterinnen so etwas tragen sehen. Und nicht nur an einem Ort.«

»Wo?«, fragte Hedgington in einem Ton, der einfach nur noch platt erstaunt war.

So richtig falsch würde das nicht sein. »In Sankt Petersburg im Szeneviertel, in Rio am Strand von Ipanema und natürlich in Berlin-Friedrichshain.« Auf noch mehr Einflüsterungen des Orakels aus Delphi wollte Laura lieber nicht hoffen. Also sagte sie möglichst kryptisch: »Das genügt.« Weniger riskant war es auf jeden Fall.

Jarl-der-Große drehte sich abrupt um. Er erinnerte sich wohl an seine Gewohnheiten und wollte Yunus wohl auch nicht mit zu viel Ehre auf einmal überhäufen.

Natürlich verließ eine Majestät nicht einfach so eine Location. Kaum setzte Jarl-der-Große seine Dackel-Pumas auf den Boden, stießen sie ein Puma-Grollen aus, das die Aufmerksamkeit auch noch des letzten Partygastes auf sich zog. Laura war nicht entgangen, dass Jarl die Diamantarmbänder an den dünnen Hälsen gerichtet hatte. Also waren doch Tonverstärker eingebaut, Laura war sich sicher. Die Hündchen sprangen am Stamm des Paradiesbaums hoch. Die Marmorblätter am Baum der Erkenntnis klirrten ein bisschen. »Dawn, ich nehme dich mit ins Hotel. Du hast die Suite neben mir gebucht.«

»Wie konnte mir das nur passieren?«

Hedgington raffte ihren wehenden Umhang und seufzte, dennoch marschierte sie Jarl hinterher. »Aber spiel nicht wieder die ganze Nacht Free-Jazz-Saxofon mit der Hotel-Combo.«

Wieder formierten die Gäste eine Gasse zu den schwarzen Vorhängen hin. Dort hatte sich der Erzengel Raphael zur Verabschiedung aufgebaut.

<»Er trägt ja Flügel!« Laura deutete auf Fabian.

»The show must go on.« Yunus hängte sich bei ihr ein. Er zog Laura einfach weg von den Gästen, die alle die Hälse reckten. Laura wollte schon nachfragen, aber Yunus’ Arm umfing ihre Taille. Mit der anderen Hand zupfte er an einem der aufgestickten ESC-Signets ihrer Jacke. »Du …« Er dehnte die Silbe. »Du …« Yunus zog sie hinter den Paradiesbaum.

Laura wandte sich ihm zu. Seine Augen schimmerten, als hätte er gerade ein paar Freudentränen weggewischt. Er zog sie näher zu sich. Sein Parfüm roch sanft nach Zedernholz und Paradiesstrand. Yunus’ Griff wurde noch etwas fester, aber auch zögernd, wie eine leise Frage.

Laura verstand zu spät. Wobei ihr im selben Moment klar wurde, dass sie hatte zu spät verstehen wollen. In seinen Armen zu liegen war einfach zu schön.

Yunus hauchte ihr einen Kuss auf die Wange. »Allein bei deinen Worten zu den Farben flashten schon drei neue Entwürfe in meinem Geist auf. Als du über das Material gesprochen hast, sah ich so viele Schuhe auf einmal, dass ich es kaum abspeichern konnte.«

Er flüsterte voller Hingabe in ihr Ohr. Sein warmer Atem war wie ein fließender Kuss. Laura vergaß, wo sie war, und schwebte einfach im dunklen Klang seiner Stimme.

»Du bist meine neue Muse, Josefine.«

Der Name ihrer Freundin riss Laura in die Wirklichkeit zurück. Hinter Yunus schimmerte die weiße Rinde des Paradiesbaums, und über Lauras Kopf baumelte ein blauer Samtpumps mit goldener Zickzackborte im Keilabsatz.

Allzu lange würde sie nicht mehr als Josefine Kohrs durchgehen.

»Bitte komme immer, immer wieder zu mir«, flüsterte Yunus und hielt sie fester.

»Für den Flug durchs Paradies«, rettete sich Laura in Ironie. Dann versuchte sie eine elegante Drehung, die Yunus aber gänzlich missverstand. Bevor er sie ganz umschlang, hob sie schnell die Hände auf seine Brust. »Solltest du nicht deine VIP-Gäste verabschieden?«

Er ließ sie nicht los, brummte nur zustimmend. Das Vibrato ließ sie wieder schweben. Sein Umarmung fühlte sich verwirrend gut an, kein bisschen einzwängend, obwohl sie ihre Unterarme zwischen ihre Körper geschoben hatte. Er ließ ihr Luft zum Atmen und war doch so nah und nur auf sie konzentriert.

»Josefine, komm zum Gedankenaustausch und zur Inspiration morgen Nachmittag hierher. Versprich es mir, eher kann ich dich nicht gehen lassen, meine Muse, bitte.«

Morgen war alles anders. Jedenfalls war sie dann nicht mehr Josefine. Aber das brauchte Laura ihm jetzt nicht zu sagen. »Wenn du unbedingt möchtest, gern.«

Sie seufzte, gegen ihren Willen. Eigentlich war sie gar nicht die große Romantikerin.

»Komm, ich will dir etwas schenken.«

Sie traten hinter dem Baumstamm hervor.

Die Pumas saßen auf ihren Hundehintern und gafften wie der alte Adel, selbst Jarl und Dawn verharrten noch am Vorhang vor dem Eingang, wo Erzengel Raphael mit zehn Kugeln eine Jonglage aufführte. Laura schlängelte mit Yunus um das Publikum herum. Die schnellen Armbewegungen Fabians plusterten die Federn seiner weißen Engelsflügel gehörig auf.

»Das hat er sich extra von einem Zirkus-Mann beibringen lassen«, raunte Yunus Laura zu. Die beiden waren sich auch für nichts zu schade, dachte Laura amüsiert und vor Glück beschwipst.

Yunus ließ Lauras Hand los. Er trat zwischen den Italienern durch. Und schnappte sich einfach eine von den vor Fabians Gesicht fliegenden Kugeln.

Yunus drehte sich dem Publikum zu. Auf der ausgestreckten Hand hielt er die grün schillernde Kugel in den Strahl eines Downlights.

»Miniatures!«, rief die Japanerin und klatschte in die Hände. Ihre dunklen Augen waren fast so groß wie bei Hello-Kitty. »Wir lieben das.«

Laura reckte sich. Aber das taten auch alle vor ihr. Dawn holte sogar ihre Brille wieder aus dem Umhang.

Die Kugel war aus Plexiglas, darin war eine Miniatur-Ausgabe eines Schuhs von Style rebel befestigt.

»Der Zumba-Aerobic-Dancer in klein!«, rief jemand.

Yunus deutete zu den Ästen den Paradiesbaums, wo seine Kreationen hingen. »In jeder Engelskugel gibt es einen dieser Schuhe en miniature.«

Yunus reichte die Plexikugel Jarl-dem-Großen und griff sich die nächste aus dem fliegenden Kugelreigen, den Fabian hinter ihm kreisen ließ.

Diese bekam Dawn Hedgington. »Endlich mal ein Give-away, das man nicht sofort in den nächsten Müllkorb werfen muss.«

Sie nickte Yunus zu und rauschte hinter Jarl durch den schwarzen Vorhang ab, den Eileen ihnen zur Seite hielt. Die Pumas trippelten ganz leise hinterher.

Alle Augen starrten auf die fliegenden Kugeln. Yunus zog dem Erzengel eine blauschwarze aus der Jonglage. Und noch eine, und noch eine. Orange wie die Ballerinas, gelb wie die sohlengenähten Stilettos.

Die japanische Kaiserverwandte wurde ebenso bedacht wie der Mailänder Modeclan und Cheep Dekstor. Die ersten Beschenkten klappten die Plexikugeln auf.

»Ein Baby könnte sie tragen«, flüsterte Dekstor.

<»Wird sie tragen!«, ergänzte eine Frauenstimme. »Meine kleine Tochter ist jetzt schon verrückt nach Schuhen.«

Die alte Lady Squisham drehte sich mit dem Mini-Louis-IX-Absatzschuh in beiden Händen um die eigene Achse. Sie schielte zu den Marmorästen des Paradiesbaums hinauf. »The jury will vote him in, for sure.«

Alle redeten auf einmal aufgeregt durcheinander, dass Laura ganz schwummrig wurde, weil sie von Miniatur zu Miniatur hin- und herschaute und jede am liebsten ganz lange bewundert hätte.

»Angelina wird es hassen, dass sie nicht hier war. Die Ärmste …« »Nun muss Benevolci aber nachlegen, wette, dass ihn Adriano noch von draußen auf der Straße aus dem Whirlpool klingelt …«

»Corona soll … Psst, bist du verrückt? Niemand darf …«

»Ich kriege die Kugel nicht auf, Hilfe!«

Yunus lachte und half der Scheicha. In ihrer Kugel saß eine meergrüne Miniatur-Dianette, auf deren Fußspitze das Staatswappen ihres Landes eingestickt war.

Lauras Blick fiel auf Fabian. Er folgte mit den Augen den letzten vier Kugeln. Er schwitzte gewaltig vor Anstrengung. Sein Gesicht war seltsam gealtert, von der Konzentration, aber auch von der Entschlossenheit. Aber Laura fand ihn noch attraktiver als zuvor.

Sein Durchhaltevermögen sprach für einen Mann, der wusste, was er wollte. Und sich nicht zu schade war, für eine Horde Top-Level-Kunden den Zirkusaffen zu geben. Solch einen Partner hätte Laura in der Event-Agentur auch gern … Sie verdrängte den Gedanken an Hamburg sofort wieder.

Vier Kugeln kreisten noch, blau, gelb, weiß und rot. Zwei davon fing Yunus für die Scheicha aus der Luft und reichte sie den Begleiterinnen.

»Yella-yella.« Jubelschreie erfüllten den Raum.

Die letzte, eine weiße Kugel, warf sich Fabian von einer Hand in die andere. Er strahlte. »Keine runtergefallen!«

Yunus streckte die Hand aus. »Gib mir bitte die letzte für meine neue Muse.«

Fabian hob eine Augenbraue, doch gab er die weiße Kugel nicht aus der Hand. Yunus und Fabian tauschten einen Blick, den Laura nicht deuten konnte, ehe er die Plexikugel Laura direkt zuwarf. »Mit allen Wünschen des Himmels.«

Laura formte die Hände zu einem Korb, noch ehe sie richtig nachdachte. Sie war schon immer gut bei Ballspielen gewesen. In der Plexikugel in ihrer Hand schimmerte die Miniatur der weißen Römersandalen, die Fabian in groß trug. Am liebsten hätte sie auch eine Miniatur des Erzengels in der Kugel dazu gehabt.

Zedernduft strich an ihrer Nase vorbei.

»Du kannst sie gern aufmachen«, sagte Yunus. Er stand schon wieder sehr nahe, neben ihr.

»Alle Details sind übernommen, Josefine.« Fabian streckte ihr sein kräftiges Engelsbein entgegen und deutete auf die weiße Sandale. »Sogar die Schließe ist identisch, nur kleiner.«

Laura wusste gar nicht, was antworten. Sie war einfach eine Schuhsammlerin im Glück: »Die Miniatur ist einfach fantastisch. Und noch dazu ein echter Style rebel, den niemand sonst kaufen kann, nur für mich.«

Sie hatte ein unbezahlbares Unikat in Händen. Bilder von den Miniaturen würden schon in wenigen Minuten in den Schuhblogs der Welt gezeigt werden. Sie war sich sicher, dass die Begleiterinnen der Scheicha sofort auf der Straße die Miniatur-Dianette mit den zurückgegebenen Handys fotografiert und gepostet hatten. Und auch Lady Squisham würde darüber bloggen, in ihrem unnachahmlich aristokratischen Ton, und die Miniatur noch auf dem Weg zu ihrem Privatjet ablichten.

»Komm morgen Nachmittag wieder, Josefine. Bitte.«

Die Jungs wandten sich einander zu und schauten sich mit zusammengezogenen Augenbrauen an. Laura hatte sich nicht verhört. Beide hatten zur gleichen Zeit gesprochen.

Es war höchste Zeit, dass Laura ging. Und in dieser Blase voller Sammlerinnenglück einfach weiterschwebte.

»Vielen, vielen Dank.« Laura richtete die Sonnenbrille mit zur Seite ausgestellten Ellbogen, wie es Josefine getan hätte. »Cheerio.« Sie presste die Plexikugel gegen ihre Brust und entwischte ihnen durch den schwarzen Vorhang.

Vor dem Ausgang reichte Eileen ihr das Smartphone, bevor sie die Tür öffnete. »Bis morgen, Frau Kohrs. Kommen Sie gut ins Hotel.«

Laura stand in einem anderen Universum auf dem Bürgersteig. Vorn an der Ecke leuchtete die Neonreklame eines Döner-Ladens. Ein kühler Nachtwind wehte ein paar Zeitungsblätter über das Pflaster, aus einer Wohnung über ihr dröhnte ein Fernseher. Es war kein Ort zum Verweilen.

Ein paar Schritte weiter am Rinnstein warf die Scheicha ein letztes Mal die meergrüne Plexikugel in die Höhe und stieg in eine schwarze Limousine. »Dschedschilla’cha’nabe habibi.« Die Scheicha schüttelte immer noch den Kopf und lachte zwischen den Wortfetzen. »Was für ein Trumpf für die nächste Runde.«

Der Chauffeur schloss die Tür hinter ihnen und fuhr ab.

Laura verdrängte den Gedanken, dass es für sie keine weitere Runde geben würde, und winkte einem Taxi. Ein klein wenig wollte sie noch schweben, bis die Gesetze dieses Universums hier wieder ihr Leben bestimmten. Ihre Hände umschlossen die Miniatur der Engelssandalen.

Und in der Ferne leuchtete die angestrahlte Kugel des Fernsehturms am Alexanderplatz wie ein Raumschiff kurz vor dem Start. Laura seufzte, auch wenn sie es nicht wahrhaben wollte, wusste sie doch: Ihre Reise in das geheime Herz der Schuhmode war hier zu Ende.

 

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"1001 Schuh" von Coco Meinhard

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Ein extrem attraktiver Schuhdesigner, ein smarter Schuhfabrikantenerbe und jede Menge Chaos. Die lockerleichte, zuckersüße Dreiecks-Liebesgeschichte von Debut-Autorin Coco Meinhard. Schuhe verändern dein Leben. Das weiß Laura, die erfolgreich in einer Hamburger Event-Agentur arbeitet und leidenschaftlich Schuhe sammelt. Dieses Hobby versteht nicht jeder, und so findet sich Laura als frischgebackene Single in einem mächtigen Stimmungstief wieder. Ihre beste Freundin Josephine schmuggelt sie zum Trost zu einer geheimen Preview bei Yunus Q, dem Shooting Star der Schuh-Designerszene, der sie prompt zu seiner neuen Muse auserwählt. Als dann auch noch Fabian Schröder, Schuhfabrikantenerbe und smarter Mitinhaber des Labels, Laura näherkommt, wird ihre Gefühlslage kompliziert. Denn Yunus gefällt ihr ebenfalls sehr gut – mehr als das, wenn sie ehrlich ist. Doch dann taucht überraschend Top-Model Angelina Labrée auf, die ihren Ex Fabian zurückerobern will. Gleichzeitig zieht das Model Yunus immer mehr in ihren Bann. Ehe Laura die Warnungen ihrer besten Freundin Josephine vor dem internationalen Fashion-Business richtig begreift, wird sie in raffinierte Intrigen und ein Liebeschaos verstrickt, das seinesgleichen sucht ... »1001 Schuh« von Coco Meinhard ist ein eBook von feelings*emotional eBooks. Mehr von uns ausgewählte romantische, prickelnde, herzbeglückende eBooks findest Du auf unserer Facebook-Seite. Genieße jede Woche eine neue Liebesgeschichte - wir freuen uns auf Dich!

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